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Kurzkritik:Vollmundig

Pianist Markus Bellheim in der Hofkirche

Was beim Konzert des Münchner Klavierprofessors Markus Bellheim in der Allerheiligen Hofkirche sofort auffällt, ist die beschreibenswerte Atmosphäre, die konzentrierte Stille, die sich über den Raum legt. Zweieinhalb Stunden lang. Bellheim spielt das komplette zweite Heft von Bachs Wohltemperiertem Klavier. 24 Präludien, 24 Fugen, Dur und Moll für jeden Halbton von C-Dur bis h-Moll. Fachpublikum. Bekannte Gesichter aus der Münchner Hochschule. Menschen, die den Hustenreiz im Griff haben. Hörer, die mit gesenktem Haupt auf ihrem Stuhl sitzen, mit leisen Bewegungen die Musik mitmemorieren und jeden Staccato-Keil im Kopf zu haben scheinen. Nur verstohlen traut man sich selber ab und zu zur Orientierung in die Noten zu luren.

Einmal freilich geht dem Publikum der Gaul durch: Eigentlich wäre man angehalten, beim Beginn der Pause nach 75 Minuten nicht zu klatschen. Bellheim ist bei der fis-Moll-Fuge angekommen, und bis zum Konzertende um 22.35 Uhr ist's noch eine reine Quarte. Die Konzentration soll gewahrt werden. Nun, andere Pausenverrichtungen dienen auch nicht der musikalischen Versenkung, und so bricht sich vorsichtiger Applaus Bahn.

Der ist schon hier mehr als berechtigt, denn Bellheims Vortrag ist wunderbar, ungekünstelt, natürlich. Er spielt auf einem modernen Steinway und macht keinen Hehl daraus, nutzt dessen Volumen in tiefer Lage, bringt auch das Pedal - mit geringem Niederdruck aber häufig - zum Einsatz. Das ergibt keinen historisierenden Nähmaschinenklang, das ist vollmundig und kräftig und verleiht Stücken wie dem D-Dur-Präludium, der E-Dur- oder der herben b-Moll-Fuge eine gewisse Wucht. Die Polyphonie beleuchtet Bellheim immer deutlich, aber nie schulmeisterlich, gut zwischen musikalisch struktureller Prägnanz der Stimmen und deren Zusammenklang austariert - nur in wenigen Momenten bei manchen Verzierungen leicht verklebt. Besonders schön aber ist's, wenn Bellheim - wie beim f-Moll-Präludium - die Spielbarkeit des modernen Instruments dazu nutzt, um die kompositorische Präzision dieser Musik durch feinsinnige dynamische und auch agogische Nuancen ein wenig zu durchkreuzen und dadurch lebendig erklingen zu lassen.