Kurzkritik Vollendet

Die Münchner Symphoniker mit einer Schubert-Rekonstruktiom

Von Klaus Kalchschmid

Bislang war das Münchener Kammerorchester in der Stadt Spitzenreiter, was ungewöhnliche Programme angeht. Doch die Münchner Symphoniker unter Kevin John Edusei bewiesen mit ihrem ersten Konzert der Saison, dass sie eng aufschließen. Auf Bernd Alois Zimmermanns karge "Orchesterskizzen" mit dem Titel "Stille und Umkehr", die er schweren Depressionen abtrotzte, bevor er sich wenig später doch das Leben nahm, folgte unmittelbar anschließend das Violinkonzert von Johannes Brahms in D-Dur. In seiner Herbheit, seinem herrlich sich aussingenden Trost im langsamen Satz und dem virtuosen Finale ergänzte es perfekt Zimmermanns von der kleinen Trommel im Blues-Rhythmus grundiertes Stück. Es kennt um den Orgelpunkt nur versprengte kleine Figuren der verschiedensten Solo-Instrumente, aus denen jedoch ein immer dichteres Netz entsteht. Der erst 22-jährige Wiener Emmanuel Tjeknavorian bewies mit sehnig gespanntem, manchmal durchaus passend kernig harschem Ton, dass gerade beim Brahms-Konzert nicht immer der üppig schwelgerische Zugriff der Weisheit letzter Schluss ist. Sympathisch die Zugabe der Melodie des Brahmsschen "Guten Abend, gut' Nacht", die einst schon der kleine Emmanuel "in der erste Lage mit drei Fingern" spielen durfte.

Die eigentliche Überraschung des Abends im Prinzregententheater war jedoch Mario Venzagos 2016 uraufgeführte Rekonstruktion von Scherzo und Finale der Schubertschen h-moll-Symphonie. Die ersten beiden Sätze dieser "Unvollendeten" waren wunderbar fließend und schlank musiziert, weshalb die Ausbrüche umso größere Wucht und Unerbittlichkeit besaßen. Dagegen musste der dritte Satz allzu harmlos erscheinen, auch wenn die ersten neun Takte von Schubert vollständig in Partitur, der Rest des Scherzo-Teils - zusammen dreieinhalb Minuten lang - und das Trio bis T. 16 als Skizze beziehungsweise Particell überliefert sind.

Instrumentierung und Ergänzung der Trios ergeben also Sinn, aber die Rekonstruktion des Finales mit Material aus der ersten Zwischenaktmusik zu "Rosamunde" ist trotz h-Moll und der exakt gleichen Orchesterbesetzung rein spekulativ. Sie entbehrt jeglicher Charakteristika eines Finales, kreist vielmehr immer wieder um sich selbst. Dem prägnanten, frischen und zupackenden Musizieren tat das keinen Abbruch.