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Kurzkritik:Verstört

Das Rohtheater "Empire" im Köşk

Von Petra Hallmayer

Auf der Wand des Köşk treibt dicht gedrängt eine asiatische Menschenmasse in Schwimmreifen im Wasser. Sie beginnt sich sachte zu bewegen, entfernt sich, wird von Wellen durchzogen, während eine Stimme über Lautsprecher Sätze aus Daniil Charms' Traktat "Über die Zeit, über den Raum, über die Existenz" vorträgt. "Empire" nennt sich die neue sechsteilige Reihe des Rohtheaters.

Von Theater im eigentlichen Sinne aber kann man hier nicht sprechen. Was wir sehen und hören, ist eine mit einem Musik- und Noise-Klangteppich unterlegte Text-Bild-Collage, gestützt auf und durchzogen von den Theorien von Michael Hardt und Antonio Negri über "die neue Weltordnung", ein grenzenloses, alle Kontinente und unser Leben beherrschendes Empire. Zum Theoriefutter werden in lässig freier Assoziation Fotos und Zeichnungen auf die Wände projiziert, ein Illu-Mix aus der Historie der Menschheit. Einmontiert sind Passagen aus der Sci-Fi-Geschichte "Pluto" des Manga-Künstlers Naoki Urasawa, in der ein Kommissar einen Computer-Mörder jagt. Das ausschließlich mit Bildern bestückte Begleitheft hilft einem Unkundigen nicht weiter. Beständig die Buchseiten im eigenen Kopf durchzublättern auf der Suche nach Zitatstellen, ist auch nicht wirklich sinnvoll. Wenn man davon ablässt aber, kann man in den Gedankenstrom eintauchen, sich von ihm immer wieder forttragen oder in eine Art intellektuelle Trance wiegen lassen.

In der einzigen Spielszene des Abends schlitzt ein Performer in einer Comic-Version japanischer Rituale einem Plüschbär den Bauch auf, holt aus diesem einen toten Fisch hervor und zerhackt ihn. Dabei kann man sich allerlei denken oder gar nichts. Gebraucht hätte es die Performance-Petitesse nicht. Danach kehrt man zum Ausklang nicht ungern zur düsteren Kapitalismuskritik zurück. Die Überzeugungstäter Bülent Kullukcu, Dominik Obalski und Anton Kaun sind mit ihrer Mission noch lange nicht am Ende. Fortsetzung folgt.

© SZ vom 15.10.2016
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