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Kurzkritik:Umtost vom Grauen

reichstheaterkammer

Hehre Mimen, scharfe Uniformen: Theater während der Barbarei.

(Foto: Pedrotti)

"Reichstheaterkammer": Falckenberg-Schule erkundet ihre Vergangenheit

Von Egbert Tholl

9. November 1938: Die Münchner Kammerspiele zeigen "Kabale und Liebe", und "man hielt den Atem an vor Glück". Außerhalb des Schauspielhauses brannten die Synagogen, drinnen erfreute man sich an einer offenbar - so das namenlos bleibende Zeitzeugnis - großen Klassikerinszenierung. Der künstlerische Leiter der Kammerspiele war damals Otto Falckenberg. Er war es von 1917 bis 1944, von 1938 an als deren Intendant. 1948 wurde die zwei Jahre zuvor gegründete Schule nach ihm benannt. Die Otto-Falckenberg-Schule, symbiotisch den Kammerspielen verbunden, wurde zu einer der wichtigsten deutschen Schauspielschulen; der Mann, dessen Namen sie trägt, wurde im Mai 1947 "entnazifiziert", Ende des selben Jahres starb er in München.

Der aktuell dritte Jahrgang der Schauspielschüler erkundete nun die Geschichte des Mannes und der Kammerspiele während des Dritten Reichs. "Reichstheaterkammer", von Malte Jelden mit verspielter Phantasie im Werkraum der Kammerspiele inszeniert, zeigt die Ergebnisse dieser Recherche. Das Schöne an dem Abend ist, dass er mehr ist als historische Offenbarung - da würde man Manches tatsächlich gern noch genauer wissen. Die Schüler versuchen, sich Theaterarbeit in der Nazidiktatur vorzustellen - und ahmen den hohen Ton in mancher Szene nach -, versuchen, selbst eine Haltung zu finden. "Hättest Du gern unter Falckenberg gespielt?" "Na logisch, eine Stunde Applaus." Oder: "Nein, da Teil des Systems der Diktatur."

Man erfährt, dass Hitler selbst die Kammerspiele vom Privattheater in einen städtischen Eigenbetrieb überführte, dass - das bestätigt etwa auch Boguslaw Drewniaks Buch "Das Theater im NS-Staat" - an Falckenbergs Haus ein Klima relativer Freiheiten herrschte, dass Hitler Falckenberg mit Ehrungen überhäufte, was die Dienststelle Rosenberg und das Propagandaministerium durchaus irritierte. Falckenberg zeigte Klassiker und Nazi-Stücke, schlängelte sich mit ostentativ unpolitischer Haltung - wie immer man sich die vorstellen mag - an den schlimmsten Zwängen vorbei. Doch auch hier: Verfolgung, Schicksale, Tod. Theater als ein Ort, an dem man Wirklichkeit ausblenden will und es doch nicht kann. Ein spannender Abend, gut zum Weiterdenken.

© SZ vom 16.02.2016
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