KurzkritikÜberragend

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Das Opernstudio mit Brittens "Albert Herring"

Von Egbert Tholl, München

Würde man das Opernstudio der Staatsoper komplett an ein mittleres Opernhaus verkaufen, hätte es ein Ensemble, mit dem fast alles möglich zu sein scheint. So die Erkenntnis nach der Premiere von Benjamin Brittens "Albert Herring" im Cuvilliés-Theater. Dafür braucht es nur zwei Gäste: Ann-Katrin Naidu als schöne Mama des Titelhelden, Miranda Keys als mit Grandezza durchgeknallte Grande Dame der hier skizzierten, bigotten Gesellschaft. Alle anderen kommen aus dem Opernstudio, und wenigstens dreien von ihnen kann man grandiose Karrieren voraussagen, ungeachtet der Tatsache, dass die anderen keineswegs schlechter sind. Nur sind halt Petr Nekoranec, Deniz Uzun und Marzia Marzo überragend.

Uzun singt und spielt die Stasi-hafte Gouvernante, verfügt über eine schon irritierende Präsenz. Auf sie achtet man immer, hören tut man sie eh, ihre Altstimme ist nah am Phänomen, prägnant, klar und von einem Volumen, das man dem schlanken Körper nicht zutraut. Marzo charmiert mit einem hell leuchtenden Mezzo, auch sie technisch einwandfrei und munter auf der Bühne unterwegs, und Nekoranec ist als Herring ein echter Bühnenliebling. Mann und Hänfling, Trottel und Hallodri, alles spielt er gleichermaßen überzeugend. Der Abend ist ein Glücksfall. Oksana Lyniv kitzelt mit verblüffender Selbstverständlichkeit alles aus dieser fabelhaften Partitur heraus, was darin an Zitaten ("Tristan"), Aberwitzigkeiten und Humor enthalten ist, das Staatsorchester formt die Musik zum plastischen Erlebnis. Und Róbert Alföldi inszeniert außerordentlich präzis aus der Musik heraus, schafft Konstellationen, die anfangs von Enge, Angst und Zwang künden, dann auch von Solidarität, Zuneigung, Fürsorge. Man verstünde alles nur aus der Musik und der Bewegung. Aber auf den tollen Gesang will man natürlich nicht verzichten.

© SZ vom 07.04.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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