bedeckt München 29°

Kurzkritik:Trügerische Liebe

Ein Liederabend nach Hugo Wolf im Max-Joseph-Saal

Von Klaus Kalchschmid

Zur Pause schmiegt sich der Sopran selig vor dem Flügel an die Brust des hochgewachsenen Baritons. Doch das ist ein trügerisches Verliebtsein, denn am Ende der zweimal 23 Lieder des "Italienischen Liederbuchs" von Hugo Wolf, das er im Abstand von fünf Jahren zwischen 1891 und 1896 komponierte, haben sich die beiden endgültig voneinander entfernt. Die junge Frau prahlt gar zickig mit ihren diversen Geliebten in verschiedenen italienischen Städten, als wäre sie ein weiblicher Don Juan.

Wie ernst sie es damit meint, bleibt freilich auch in vielen anderen der oft nur kurzen Lieder nach verschiedenen alten Texten in der Übersetzung von Paul Heyse offen, die Wolf ganz unspektakulär und textnah mit feinem Gespür für Spott, aber auch für untergründige Liebesleidenschaft vertonte. Denn im ersten Teil und wieder gegen Ende erleben wir einen pointierten erotischen Schlagabtausch zwischen den Geschlechtern. Dabei ist die Frau oft die kokett Lockende, Herausfordernde oder auch Abwehrende; der Mann verzehrt sich in der Rolle des ebenso verliebt wie vergeblich Werbenden, der der Angebeteten viel verzeiht.

Katharina Ruckgaber macht es mit hell und klar artikulierendem Sopran sichtlich und hörbar Spaß, den armen Johannes Kammler im Max-Joseph-Saal an der Nase herumzuführen. Der wehrt sich trotz seines schönen, virilen und auch im Leisen eminent präsenten Baritons nur selten. Man weiß oft nicht, wen man mehr bedauern oder auf wen man mehr wütend sein müsste. Den beiden gelingt ein wunderbar feministisch unkorrekter Geschlechterkampf, der lustvoll Vorurteile zelebriert. Ruckgaber und Kammler gestalten mit der ebenso differenziert wie elegant modulierenden und sanft akzentuierenden Akemi Murakami am Flügel, die die Reihe "Liederleben" leitet, mit ebenso viel Präzision wie Farbenreichtum, feiner Mimik und Gestik ein Kaleidoskop männlichen wie weiblichen Empfindens, Agierens und Reagierens.

© SZ vom 29.05.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite