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Kurzkritik:Trommelfeuer

Flamenco mit Montserrat Suárez im Künstlerhaus

"La Montse", so nennt man sie, hat ihre Fans. Nur die wenigsten hier sind wohl, dem fortgeschrittenen Alter der meisten nach zu schließen, ihre Schüler. Montserrat Suárez betreibt nämlich eine Flamenco-Schule in München. Und nach diesem vulkanischen Abend unter freiem Himmel kann man nur neidvoll sagen: Wer bei ihr Stunden nimmt, ist zu beneiden. Denn sie ist nicht nur schön anzusehen. Ihr donnernder Zapateado, der rhythmische Step ihrer Füße, gleicht einem Erdbeben, weshalb man ihr auch noch den Beinamen "Terremoto" verlieh. Mit 868 Schlägen pro Minute wurde sie in einer "Guinness World Record"-Fernsehshow sogar zweitschnellste Flamenco-Tänzerin der Welt.

Aber was sagt das schon! Selbst atemberaubende Technik ist noch nicht Kunst. Montserrat Suárez aber ist eine Künstlerin und als solche weltweit begehrt. Sie beherrscht den großen Auftritt, den ihre beiden Begleiter musikalisch mit Inbrunst hinauszuzögern verstehen, sie schwelgt gern in ausgesucht geschmackvollen Kostümen, liebt Rüschen und Fransen. Aber in ihrer ersten Nummer unter freiem Himmel im Hof des Künstlerhauses als ergänzung zur aktuellen Goya-Ausstellung, gibt sie sich spartanisch, kommt, zunächst unbemerkt, über die Seitenbühne. Denn als erstes hört man den variablen Puls hölzerner Schläge, dann erst sieht man sie selbst, eine schlanke, zierliche Gestalt, das dunkle Haar zurückgenommen. Montserrat Suárez tanzt den Stocktanz, deren eine von mehreren Bedeutungen die Wandschaft des Fahrenden Volkes bedeutet.

Drei Tänze gönnt sie dem Publikum bis zur Pause. Sie macht sich rar. Doch man sieht, wie sehr sie sich auf den jeweils nächsten Auftritt vorbereitet, in jeder Nuance ihrer Haartracht, ihres Kostüms, wenn dann jeder Fransenschwung stimmt, der hochgeschürzte Rock viel Bein entblößt und freie Sicht gestattet auf ihr Fuß-Stakkato. Sie schafft die preziöse Balance von Eleganz und Leidenschaft und verzichtet dabei auf jegliche Extrovertiertheit. El Kanejo, der junge Sänger aus Cádiz, mit dem sie hier erstmals auftrat, und Alejandro Suárez, ihr Gitarrist, können es gut mit ihr aufnehmen. Den Geschmack eines tosenden Flamenco-Festes aber gaben die Drei erst zum Schluss, wenn "Terremoto" in feuerrotem Kleid ihrem Beinnamen fußtrommelt, sich El Kanejos kehliger Gesang in die Sommerluft schwingt, er wild zu tanzen beginnt, klackediklack, und die fein gezupfte Gitarre das Krude verziert. Eine Lust! Im November kommt Montserrat Suárez wieder

© SZ vom 31.08.2015
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