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Kurzkritik:Tiefgründig

Der Pianist Alexander Gadjiev im Herkulessaal

Eigentlich führt einen der Pianist Alexander Gadjiev beim ersten Intermezzo aus Brahms' Klavierstücken op. 118, mit denen er sein Konzert bei "Klassik vor Acht" im Herkulessaal eröffnet, etwas in die Irre: Er spielt es schwelgerisch im Ton. Doch das erweist sich nicht als Ausgangspunkt für weitere ebensolche Darbietungen, sondern als Prolog zu einem sehr nachdenklichen Klavierabend - hohe Virtuosität freilich inklusive.

Diese Richtung wird schon beim zweiten Intermezzo offensichtlich: Gadjiev baut so viele kleine Verzögerungen ein, dass gerade Achtel beinahe punktiert wirken und bewusst kein sanglicher Fluss entsteht, sondern der Eindruck eines behutsamen Vorantastens. Das zeigt sich ähnlich bei der Ballade, wobei Gadjiev den lichten H-Dur-Mittelteil sehr schön einfasst. Pastellene Farben dieser Art sind ein wichtiges Merkmal in Gadjievs Interpretationen. Sie bestimmen auch seine Darbietung von Chopins Barcarolle op. 60, die kaum etwas mit der schmissigen Herangehensweise an dieses Werk zu tun hat, die man von anderen manchmal hört. So zart, wie sie bei Gadjiev klingt, ist die Barcarolle aber eine stimmige Hinführung zu den zwei Poèmes und zwei Etüden von Skrjabin, die folgen.

Das zweite Hauptcharakteristikum dieses Klavierabends ist, dass Gadjiev meistens weit ausgedehnte Werke wählt: alle sechs Brahms-Stücke op. 118, Liszts "Harmonies du soir" und "Mazeppa" aus den "Études d'exécution transcendante", Bartóks Klaviersuite "Im Freien", deren Motorik diesem Konzert ansprechende Energie verleiht. Auf diese Weise - einen ausgedehnten Abgang von der Bühne zwischendurch inklusive - ist es bereits nach Acht, als Gadjiev das Hauptprogramm beschließt. Doch auch bei der Zugabe lässt er es nicht unter einer tiefgründigen, schweißtreibenden, hochvirtuosen Viertelstunde bewenden. Liszts Dante-Sonate. Allmächtiger, was für ein Zugabenstück. Der Jubel hinterher ist groß, doch ein wenig hat Gadjiev den Abend gehaltvoll überreizt.