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Kurzkritik:Süße und Seufzer

Lucas Debargue im Prinzregententheater

Rauschend soll eine Zugabe sein, farbenreich - und dem Virtuosen zum letzten Mal Raum geben zur Entfaltung seiner Kunst. Deshalb sind Domenico Scarlattis Sonaten gern gehörte Zugabenstücke, eine Zuschreibung, die die Barock-Preziosen zugleich trifft und verfehlt. Harmonische Abenteuer sind die 555 einsätzigen Sonaten, berstend vor Kreativität. Als wollte er einen Schleier über diesen verführerischen Glanz legen, die krummen Barock-Kreaturen auf Linie bringen, reiht Lucas Debargue sie in sein Konzept ein.

Elf Mal versenkt sich der seit seinem Auftritt beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb viel beschäftigte Pianist in die Welt des Cembalo-Genies. Und elf Mal wachsen unter den zarten Fingern keine irisierenden Piecen oder feurigen Tänze, sondern graue Nocturnes und anämische Miniaturen. Mit aufgeweichtem Anschlag, vorhersehbar unpassenden Akzenten und exzentrischen Rubati hat Debargues Spiel etwas radikal Subjektives. Das gilt auch für die Scarlatti-Interpretationen großer Pianisten der Vergangenheit, die dadurch den Charakter der Stücke herauszuarbeiten suchten. Doch Debargues Spiel arbeitet nicht heraus, es verdeckt und verharmlost. In der zweiten Sonate des Rachmaninow-Freunds Nikolai Medtner findet Debargue zu einem Ton, der eher aus dem Stück zu kommen scheint. Wo der freie Satz quasi improvisiert, ist Debargue in seinem Metier. Hier erreicht er freien Ausdruck und kristalline Transparenz.

In Liszts Dante-Sonate dann verschränken sich die Improvisationslust des Virtuosen und neuartiges Formbewusstsein. Die Spannung zwischen diesen Polen wird bei Debargue spürbar. Die höllischen Lamenti spielt er mit Süße, die zarten Seufzer mit noch gezügeltem Feuer. Mit einer furiosen Coda, deren Anforderungen auf seinem Gesicht sichtbar werden, begeistert er das Publikum im Prinzregententheater. Drei Zugaben erjubelt es sich - noch eine Scarlatti-Sonate, Liszts h-Moll-Ballade und eine Improvisation, die zeigt, wo Debargue am souveränsten ist.