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Kurzkritik:Schwebend klar

Julia Fischer mit dem Orchestre National de France

Prokofjews erstes Violinkonzert ist keine Komposition, mit deren Darbietung man leicht entflammbaren Applaus erntet. Natürlich gibt es reichlich Stellen, an denen die Motorik Fahrt aufnimmt. Dennoch ist es ein seltener Moment, wenn sich die Geigerin Julia Fischer bei ihrem Heimspiel mit dem Orchestre National de France in der Philharmonie in expressive Pose wirft. Denn ansonsten herrscht großer Ernst vor, und sofort im Anschluss an den kurzen Ausbruch erkundet Fischer klanganalytisch eine kühle Solopassage, lässt zarteste Con-sordino-Töne glitzern.

Das Orchester unter der Leitung von Lionel Bringuier, eingesprungen für Emmanuel Krivine, ist für sie dabei ein aufmerksamer Partner; wie homogen Solistin und Orchester im dritten Satz gemeinsam die Dynamik gestalten, ist wunderbar. Diese Interpretation ist von beglückender Präzision. Mit welch exakt definierter Klarheit stellt Fischer etwa zu Beginn die schwebende Melodie des Andantino-Abschnitts in den Raum! Diese Darbietung in ihrem maßvollen Ausdruck braucht vielleicht eine Spur länger als leicht erkennbares Virtuosentum, um sich zu vermitteln, ist aber umso wertvoller. Zumal Fischer sowieso das eine wie das andere beherrscht und als Zugabe Paganinis Caprice Nr. 13 in B-Dur dazureicht.

Bemerkenswert ist, dass Bringuier und das Orchester abseits des Prokofjew-Konzerts viel klangfarbliche Wärme suchen. Das war zu Beginn des Abends bei Debussys "Prélude à l'après-midi d'un faune" so, das ist auch bei Rimski-Korsakows Symphonischer Suite "Scheherazade" der Fall. Gestik und Erzählhaltung dieses Werks, das der Komponist im Grenzbereich zwischen Programmmusik und absoluter Musik ansiedelte, sind opulent. Beim Orchestre National de France ergibt sich auch hier die Überzeugungskraft aus einer Fülle an perfekt gelungenen einzelnen Klangereignissen, von denen die intonatorisch anspruchsvollen Solobeiträge der Konzertmeisterin sicherlich die beeindruckendsten sind.

© SZ vom 21.01.2020
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