Kurzkritik:Schräger Engel

Von Reportage inspiriertes Stück "Lost Wings" am Rationaltheater

Von Astrid Benölken

Engel Elvis kann eine ganze Liste an Vorzügen runterbeten, die ein himmlisches Dasein mit sich bringt. Er ist unsterblich, weise, ehrlich, unschuldig, kurz: perfekt. Doch Elvis hat seine Flügel satt, möchte viel lieber ein Mensch sein, kommt deshalb auf die Erde - und landet ausgerechnet auf einer öffentlichen Toilette. Der Charme solcher Örtlichkeiten ist auf den 18 Quadratmetern der Rationalbühne großartig getroffen: Leicht angesiffte Spiegel hängen über ausladenen Waschbecken, an denen ein Wischmopp lehnt, die Fliesen zieren angeknibbelte Aufkleber.

Das unter einem Pseudonym verfasste Stück "Lost Wings" ist von einer Reportage inspiriert, die im Juni in der SZ erschien. Karin Steinberger berichtete darin über eine junge Äthiopierin, die von ihrem Vater verkauft wurde und jahrelang als Hausmädchen schuftete. Die Rolle der mosambikanische Klofrau, die Elvis auf der Toilette trifft, erinnert an dieses Mädchen, Nada (Olga Xavier) verkommt hier allerdings zur blassen Stichwortgeberin einer eineinhalbstündigen Ein-Mann-Show von Engel Elvis (Danijel Szeredy). Schuld daran sind nicht die Schauspieler, es ist die Vorlage, die das hehre Ziel hegt, ein Erweckungsstück gegen Ausländerfeindlichkeit zu sein, aber über die überschaubare Schnittmenge von menschelndem Engel und mosambikanischer Toilettenfrau stolpert.

Das Gespräch dümpelt vor sich hin, immer wieder stimmt Elvis pathetische Reden an, die aber tatsächliche Tiefe vermissen lassen und etwas floskelhaftes haben: "Die Zeit ist eine Hure, sie schläft mit jedem." Dazu Liedeinlagen, die ein wenig Kurzweil in das Stück bringen, je weiter die Menschwerdung fortschreitet, aber immer mehr an das Karaokesingen Betrunkener um drei Uhr morgens erinnern.

Die Verwandlung gelingt, wenn auch das Programmheft ein paar Details mehr weiß, die man auf der Bühne vergeblich sucht. Nachvollziehen, warum Elvis sein Sauseleben im wolkenlosen Himmel aufgibt, lässt sich aber nicht. Und auch nicht, was das Ganze mit Ausländerhass zu tun haben soll.

Lost Wings, wieder 13. bis 16. Oktober 2015, 20.30 Uhr, Rationaltheater, Hesseloherstr. 18

© SZ vom 17.09.2015
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