Süddeutsche Zeitung

Kurzkritik:Schmerzerfahren

Amanda Palmer macht ihr Konzert zur Selbstbeschau

Ein Flügel, ein paar Scheinwerfer und eine Ukulele. Viel mehr braucht Amanda Palmer nicht, um in der Alten Kongresshalle eine Tour de Force durch seelische Schmerzerfahrungen zu begehen, die in ihrem Wirklichkeitsanspruch oft kaum zu ertragen ist. Dabei beginnt es ganz zahm: Palmer kommt mit ihrer Ukulele, dieser harmlosen Klimpergitarre, auf die Bühne und singt ein Lied über Selbstakzeptanz; mit dem ihr eigenen Humor, mit dem sie schon zu Dresden Dolls-Zeiten ganz persönliche Erfahrungen in große Songs ummünzte. Zu ihrem aktuellen Album "There Will Be No Intermission" aber hat sich Amanda Palmer ein neues Konzert-Konzept überlegt. Weg von all der zirkus- und theaterhaften Inszenierung ihrer letzten Solo-Shows, setzt sie jetzt in radikaler Reduktion auf Selbstentblößung.

Von Konzert kann man da eigentlich gar nicht mehr sprechen. Die gespielte Musik unterliegt klar der Redezeit. So liefert Palmer live auf der Bühne eine Art Sekundärliteratur zu den Songs und erzählt schonungslos von all den wirklich schmerzhaften Momenten ihres Lebens. Heraus kommt eine Piano-Talk-Show, so wie die von Chilly Gonzales, nur in richtig düster und als eine Art Selbsttherapie. Drei Stunden lang geht es ums Sterben enger Verwandter und Freunde, um Abtreibungen und zum Schluss um eine Fehlgeburt. Immer wieder wird Amanda Palmers Stimme brüchig, berührt, nur um im nächsten Satz eine bittere wie heilsam treffende Galgenhumor-Pointe zu landen.

Palmer ist klug genug, diese radikale Selbstbeschau zu reflektieren. Sie wirkt dabei wie der düstere Zwilling all der Youtube-Selbstdarsteller, weil sie anstatt über die schönen Dinge über die Teile des Lebens spricht, über die man in der Öffentlichkeit eigentlich nicht spricht. Wenn aber zu Beginn der Piano-Kracher "The Killing Type" oder am Ende das Chopin-romantisierende "The Ride" erklingt, zeigt sie, dass die Übersetzung ihrer persönlichen Erfahrungen in Musik die ästhetisch doch interessantere bleibt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4598178
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 13.09.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.