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Kurzkritik:Schmerz, Scham und Schuld

"Herbst der Untertanen" im Theater Blaue Maus

Von Petra Hallmayer

Jeden Abend lässt Rina den Tisch für die Herrschaften decken. Sie kommen wieder, erklärt sie unbeirrbar. Doch die Ära des Generals ist vorbei. Die Ordnung, die die Köchin eisern aufrechterhält, ist längst zur Farce geworden. Draußen herrscht Bürgerkrieg, während sich drinnen die weiblichen Bediensteten das Leben zur Hölle machen. Die Haushälterin Kaela schlüpft in die Kleider des Generals und seiner Gattin und rebelliert hasserfüllt gegen das Regiment ihrer Rivalin. Beide schikanieren und demütigen die Aushilfe Luci, ein Flüchtlingsmädchen, das in einem Feldbett vor der Bühne haust. In dem Stück "Herbst der Untertanen", das Robert Spitz als beklemmendes Kammerspiel inszeniert hat, verwandeln sich Unterdrückte in Tyranninnen, werden aus Opfern männlicher Gewalt Täterinnen.

Nur ein anschwellendes Grollen verrät im Theater Blaue Maus, vor dessen Fenster sich Sandsäcke türmen, dass die Schüsse näher kommen. Der Psychokrimi von Nino Haratischwili, der Autorin des großen Georgien-Epos "Das achte Leben", deren Tschetschenien-Roman "Die Katze und der General" für den Buchpreis nominiert war, spielt in einem namenlosen Land. Es ist irgendeiner von vielen Kriegen, der da tobt. Haratischwilis Drama, in dem sie das von Genet bekannte Motiv der ihre Herrenschaften imitierenden Dienstbotinnen variiert, fokussiert sich ganz auf das, was Gewalterfahrungen in Menschen anrichten.

Jede der Frauen wird von entsetzlichen Erinnerungen an Vergewaltigungen, Folter und Mord verfolgt, die sich im Lauf des Abends enthüllen. Dass die Aufführung dabei nie in peinigend-peinliches Leidenspathos kippt, ist der sensiblen Regie von Robert Spitz und den drei Darstellerinnen zu verdanken: Andrea Beblo-Krause als kühle damenhafte Despotin, die ihre Gefühle in einem Panzer aus Selbstdisziplin erstickt; Nina Jacobs als ihre zynisch-pseudocoole Kontrahentin Kaela und Nina Niknafs als mädchenhafte Luci, die hilflos zwischen den Fronten umherirrt.

Statt einander beizustehen, benutzen Rina und Kaela ihre Geschichten voller Schmerz, Scham und Schuld, um sich wechselseitig grausam zu quälen. Nur einmal, in einer klugen, eindringlichen Szene, halten sich die Frauen an den Händen, werden zu einer Person und erzählen reihum Lucis traumatisierende Flucht. Gleich darauf aber setzen sie ihre verrückten Spiele fort, bis die Schwächste im Trio am Ende ihre Rolle aufkündigt.

© SZ vom 17.10.2018
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