Kurzkritik Schlicht und schön

Khatia Buniatishvili mit dem Orchestre National de Lyon

Von Andreas Pernpeintner

Ein wenig führt einen der Beginn des zweiten Rachmaninow-Klavierkonzerts mit Khatia Buniatishvili im Gasteig in die Irre. Nach stillem Beginn legt Buniatishvili sehr rasch mächtig Kraft in die eröffnenden Akkorde, wirft ihr Haupt - und dieser Impetus überträgt sich auf das Orchestre National de Lyon, das unter der Leitung von Leonard Slatkin sein Thema mit mächtigem Strich zeichnet. Das verheißt eine nachdrückliche Interpretation.

Doch die Richtung, die Buniatishvili dann einschlägt, ist eine andere. Natürlich gibt es reichlich Virtuosenfeuer. Im ersten Satz und erst recht im halsbrecherischen Finale. Das bestimmende Merkmal der Darbietung aber ist, dass Buniatishvili das Leise extrem zurücknimmt, geradezu pastellene Farben und eine sehr diskret reduzierte Klanggestaltung wählt. Manchmal möchte man meinen, dass durch den gläsernen Ton, der hierbei entsteht, manchen Linien ihr Aussagegehalt entzogen wird, denn natürlich könnte man sie bedeutungsschwerer spielen. Doch ist Khatia Buniatishvilis Klavierton in diesen Momenten schlicht und einfach so schön, dass er als Klangerlebnis absolut ausreicht - zumal, wenn er dann eben doch immer wieder durch musikalische Aufwallung kontrastiert wird. Besonders glückt dies im zauberhaften Adagio.

Die Lyoner sind für diese Lesart des Rachmaninow-Konzerts ein guter Partner. Seine Klangkultur hat das Orchester schon bei Ravels "Le tombeau de Couperin" bewiesen und bestätigt sie nach der Pause bei Samuel Barbers atemlos strömendem "Adagio for Strings". Doch braucht es natürlich auch ein anständiges Gegengewicht zum Klavierkonzert. Dem werden Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" in der Ravel-Orchesterfassung ideal gerecht. Die Präzision, mit der das Orchester dieses Werk erzählt, dicht aber stets transparent, mit klaren Konturen phrasiert, mit vorzüglichen Blechbläserleistungen veredelt, ist imponierend. Gerade, weil das Heftige nie zu brutal wird, erzielen die Musiker damit fundamentale Wirkung - die allenfalls durch eine unpassende Orchesterzugabe wie Offenbachs "Can Can" vom Tisch gewischt werden könnte. Aber auch das gelingt.