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Kurzkritik:Rarer Bruckner

Thomas Dausgaard und die Münchner Philharmoniker

Selbst Bruckner-Guru Sergiu Celibidache hat sie in München nie aufgeführt, und das letzte Mal erklang sie bei den Münchner Philharmonikern vor fast 20 Jahren. Umso verdienstvoller war es also, dass Thomas Dausgaard bei seinem Konzert mit den Philharmonikern im Gasteig den Bogen von Bruckners "Ave Maria" für Chor A-cappella zu seiner zweiten Symphonie schlug.

Manches der späteren Werke nimmt sie vorweg: die großen, wenn auch noch nicht so gewaltigen Steigerungen mit mehreren Themen; die von Generalpausen durchsetzte Struktur; das Choralartige der langsamen Sätze oder die typischen Faktur der Scherzi. In der hier gespielten dritten Fassung von 1877 endete das Andante samt seinen zarten Anklängen an russisch-orthodoxe Kirchenmusik mit der Solovioline aus der Urfassung. Im Finale, das eigentümlicherweise manchmal sogar nach der prallen, rhythmisch prägnanten Extrovertiertheit eines Berlioz klingt, lässt es Dausgaard dann auch mal so richtig krachen. Zuvor zelebrierte er diese c-Moll-Symphonie mal von der Magie der späteren Werke her oder ließ sie in all ihrer Zerrissenheit musizieren. Selbst bei der zweiten Aufführung war da allerdings immer noch Luft nach oben.

Karol Szymanowskis "Stabat Mater" im Zentrum war ein nicht minder irisierend faszinierendes wie sperriges Werk aus dem Jahr 1926. Es zerfällt in kontemplative Teile von Chor und Orchester mit Sopran- und Altsolo und unter Beteiligung des famosen jungen Basses (Adam Palka) brachial laut gesungene Partien. Mystisch wurde es immer dann, wenn Simona Šaturnová und Janina Baechle sangen - oft unter Beteiligung des Philharmonischen Chors, der sich meist erfolgreich um die schwierige Artikulation des polnischen Originaltextes bemühte. Auch die Philharmoniker fühlten sich sowohl in der klanglichen Opulenz und der schillernden, manchmal kühnen Harmonik zu Hause wie in den kargen, klanglich ausgedünnten Partien, die etwa den Kontrabässen nur hohe Bläser entgegensetzen.

© SZ vom 04.03.2016
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