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Kurzkritik:Perpetuum mobile

Leonidas Kavakos und die Münchner Philharmoniker

An sich selbst gelehnt, gelassen, lässig. Wenn Leonidas Kavakos auf der Bühne steht, ist er die Inkarnation von Rilkes Torero. Ungestört von allem, was sich um ihn herum abspielt, versenkt er sich in die Grübeleien von Brahms' Violinkonzert. Diese Form der Introspektion ist einzigartig und macht Kavakos' Interpretationen zu unnachahmlichen Individualanalysen. Hier ist kein Takt bedeutungslos.

Die barockisierenden Figuren des Kopfsatzes werden zu zierlich durchgeformten Melodien. Im langsamen Satz schwebt der gläserne Kavakos-Ton über der dunklen Orchesterbegleitung der Philharmoniker unter Valery Gergiev, der die Schroffheiten des Orchestersatzes bewusst glättet, Übergänge sorgfältig vorbereitet, die Artikulation aufweicht. Das vertrackte Giocoso-Finale sprüht vor Brillanz; Kavakos' Technik ist unanfechtbar. In temperamentvollen Momenten erlaubt er sich, zu kratzen, mit der Geste der perfekten virtuosen Beiläufigkeit. Und doch steht in manchen Momenten die Frage im Raum: Für wen spielt Kavakos? Sein Brahms hat nichts Rhapsodisches, Sängerisches, ist reiner Geigenklang, der auf sich selbst hört. Doch in manchen Momenten wirkt der Solist abseits. In einem Werk, das in der Konzertkultur des 19. Jahrhunderts steht, auf dem Kontakt zwischen Solist, Orchester und Publikum aufbaut, nimmt man das als Defizit wahr.

Anton Bruckner gilt als einer der nicht wenigen Antipoden Brahms', sodass seine fast gleichzeitig zum Violinkonzert entstandene Siebte als ihr Gegenstück gehört werden könnte. Zumindest in Gergievs Sichtweise wird sie dazu. Anstatt motivischer Geschlossenheit stellt Gergiev die filmisch wirkende Schnitttechnik heraus. Eine volltönende Bläsergruppe wechselt prompt zu kammermusikalischen Klängen, expressive Cello-Kantilenen zu flirrenden Geigen. Bei den Philharmonikern wirkt das nie forciert oder ermüdend. Vielmehr entsteht der Eindruck eines Perpetuum mobile, dessen mitreißender Schwung nur kraft Gergievs durch die Luft sausender Hand angehalten werden kann.