Kurzkritik Ohne Chichi

Pianist Nikolai Tokarev im Prinzregententheater

Von Rita Argauer

Große Symphonieorchester haben eine besondere Kraft. Und selten bekam man diese so destilliert zu hören wie beim Konzert des Kammerorchesters der Münchner Philharmoniker mit dem Pianisten Nikolai Tokarev im Münchner Prinzregententheater. Das Programm ist auf den ersten Blick zwar mit Bach, Mozart und Beethoven nicht sonderlich aufregend. Doch es reicht aus, um unter der Leitung von Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici ein sinnliches, berückendes und erfüllendes Konzert zu erleben.

Auffällig ist, dass sowohl Tokarev als auch das Orchester sich nicht dem Trend der historischen, oder auf modernen Instrumenten der historisch-informierten Aufführungspraxis hingeben. Man spielt und klingt, wie ein Symphonieorchester heutzutage spielt und klingt: rein, glatt und strahlend. Und bei all den hackenden Cembalos, die man in letzter Zeit so häufig hört, vermag der klare und mit Pedal verflüssigte Klang des Steinways in Bachs wunderbarem f-Moll Klavierkonzert (BWV 1056) zuerst zu irritieren. Doch Tokarev und das Kammerorchester der Philharmoniker erschaffen einen so hinreißend perlenden Moment, in dem die Musik nicht durch zu viel Gestaltungswillen eingeengt, aber dennoch genug interpretiert wird, dass man den Hörer sinnvoll durch das Werk führt. Die flüssige Spiellust der Musiker steht dabei über ausgestellter Analyse. Etwas, das sie dann auch in Mozarts c-Moll-Klavierkonzert Nr. 24 fortsetzen. Die einzelnen Stimmgruppen spielen dabei transparent aufeinander zu, die Themen lösen sich fließend ab - bleiben in ihren Bezugspunkten aber klar und nachvollziehbar.

Mit Beethovens erster Symphonie zeigt das Orchester dann abschließend noch einmal, welche Profis im Bereich des so wohl gesetzten symphonischen Zusammenspiels hier arbeiten: Beethoven muss (auch wegen der großartigen Holzbläser) nicht zu sehr drängen, vielmehr ruht die Musik in sich und erklingt dadurch in ihrer Abstraktion umwerfend. Ein plastisches und vitales Musizieren - ohne Chichi oder Trend-Manierismen.