Kurzkritik Offen scharfkantig

Die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman im Prinzregententheater

Von Rita Argauer

Elisabeth Kulman stellt bei ihrem Liederabend im Prinzregententheater vor dem Lied der "Seeräuber-Jenny" die richtige Frage. Das ist insofern bemerkenswert, weil dieser Brecht/Weill-Song auch deshalb zum Höhepunkt ihres Programms wird. Und weil Brecht in der "Dreigroschenoper" selbst genau diese Frage nicht stellt. Da ist der Song samt der Rachefantasie des Abwaschmädchens eine belustigende Einlage von Polly bei deren Hochzeit mit Macheath. Kulman aber fragt: "Was muss geschehen, damit ein Zimmermädchen zur Massenschlächterin wird?" Ob dieser Ernsthaftigkeit, ob der Dunkelheit im Timbre und der musikalischen Reduktion, in der mit dünner Klavierbegleitung der Weg des Mädchens zur Mörderin nachgezeichnet wird, führt dieses Lied zu ehrlichem Schrecken.

Das Programm, das Kulman innerhalb der Opernfestspiele mit einer grandiosen Band aus Streichergruppe, Klavier, Akkordeon und Klarinette unter dem Titel "La femme c'est moi" gibt, hat auch im ersten Teil einen dunklen Moment: Wenn Kulman von Schuberts "Gretchen am Spinnrade" über das ungarische Original von "Gloomy Sunday" zu Schuberts "Der Tod und das Mädchen" die wahnwitzigen Seiten der Liebe besingt. Doch insgesamt ist das der leichtere Part. Da geht es um die Liebe in verschiedenen Facetten: Zu Beginn mit viel Spaß am Schauspiel, etwa in Cole Porters "I Hate Men" oder stimmlich umwerfend mit Saint-Saëns' "Mon cœur ..."-Arie aus "Samson et Dalila".

Kulman genießt dabei den Raum zwischen Schauspielerin und Liedsängerin. Und in erster Linie ist sie eine charmante Entertainerin mit herausragender Stimme. Doch wenn es politisch wird, wird sie offen scharfkantig. Seien es Aufforderungen wie in Friedrich Hollaenders "Raus mit den Männern aus dem Reichstag" oder eine absurd komische Zusammenstellung aus Wagners "Ring", die die Fricka als Frauenrechtskämpferin erscheinen lässt. Kulman entreißt der Opernwelt ihre museale Bräsigkeit. Und allein das ist ungemein wohltuend.