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Kurzkritik:Nationalgarde des Blues

Der Riff-Meister Jack White im Zenith

Dieses Konzert ist von gestern. Es wirft die Besucher zurück in eine Zeit, in der Rock eine aufregende Sache war, in der sich Gitarristen an Muddy Waters orientierten oder Son House, und in der es keine Handys gab, durch deren Kameras das Publikum Zerrbilder empfängt. Jack White ist in vieler Hinsicht ein konsequenter Musiker, da ist seine Vorgabe, alle Smartphones am Eingang in Säckchen packen zu lassen, die erst am Ende wieder geöffnet werden, nur eine Facette. Der 43-Jährige aus Detroit, der mit seinen Bands The White Stripes, The Raconteurs und The Dead Weather sowie als James-Bond-Song-Interpret die Nullerjahre interessanter machte, hat sein künstlerisches Schaffen ganz dem Blues gewidmet beziehungsweise dem, was sich auf diesem alten Fundament errichten lässt. Der ehemalige Polsterer und jetzige Label-Boss hat seine musikalische Essenz gefunden, die er in variablen Spielarten verfeinert.

Im ausverkauften Zenith, wo er 2005 mit den White Stripes "eine sonderbar manische Energie" freisetzte, wie der Kritiker der Süddeutschen Zeitung damals schrieb, legt der Riffmeister einen ekstatischen Auftritt hin. Der Multi-Grammy-Gewinner trägt Hosenträger und Krawatte, im Gesicht ist er bleich wie seinerzeit Michael Jackson. Begleitet von einer Schlagzeugerin, einem Bassisten und zwei Keyboardern, wechselt er die Gitarren wie Lady Gaga ihre Outfits.

Jack White singt, rappt, kreischt und juchzt sich durch ein spielfilmlanges Programm ohne plakative Hit-Ballung (der Stadion-Brüller "Seven Nation Army" kommt als letzte Zugabe). Seine Setlist ist ein Rausch ohne Ausreißer, eine Fifty-Fifty-Mischung aus den Stücken seiner drei Soloalben und Neuinterpretationen seines Band-Repertoires. Nur eines möchte man ihm ankreiden: Wenn er schon die handylose Aufmerksamkeit seiner Fans hat, warum nicht mehr Ansprache oder Interaktion? Aber sei's drum. Sollte Rock noch zucken, dann ist Jack White der Typ mit dem Defibrillator.