Kurzkritik:Mirakulös

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"Magdalena Himmelstürmerin" in der Schauburg

Von Sabine Leucht

Ein wispernder, singender und mit den "Ästen" winkender Fünf-Männer-Baum entscheidet über das Schicksal Magdalenas und ihrer Mutter. Die Witwe kommt ins Armenhaus, das Mädchen zur Tante nach Wittenberg, wo sie Marktschreier, Feuerspucker und Gaukler empfangen. Eine ganz andere Welt als das Dorf, in dem Magdalenas Vater und Bruder bei einem Grubenunglück ums Leben gekommen sind. Weil der Verwalter Geld sparen wollte und die Mutter die magere Entschädigungssumme in einen Ablassbrief statt in den Arzt investierte.

Das Geld regierte schon vor 500 Jahren die Welt, als das Unwissen und die Armut des Volkes nur durch dessen Religiosität übertroffen wurde und Martin Luther mit seinen 95 Thesen gegen den Ablasshandel auf den Plan trat. Pünktlich vor dem Reformations-Jubiläum 2017 setzt nun das Theater der Jugend seine szenische Version von Rudolf Herfurtners "Roman aus der Lutherzeit" auf den Spielplan. "Magdalena Himmelstürmer" heißt der und spielt an einem persönlichen Beispiel die großen Umwälzungen zwischen Mittelalter und Neuzeit durch. Bei der Uraufführung ist alles noch da: Der manipulatorische Priester, die beginnende Alphabetisierung wie die Inquisition - und in den beiden Männern um Magdalena der Lutheraner wie der Anhänger des radikaleren Thomas Müntzer. Was so hingeschrieben etwas schematisch wirkt, verwandelt Thorsten Krohn in seiner erst zweiten Regiearbeit in ein ideen- und stimmungsreiches Fest der Bilder.

Auf Andreas Wagners Bühne liegen fünf Holzstege wie Bruchstücke eines überdimensionalen Kreuzes herum. Auf dessen einstigem Scheitelpunkt trifft sich die als Wandertheatergruppe kostümierte achtköpfige Schauspielercrew an den Höhe- und Wendepunkten des Stückes, das vom ersten Kirchenglockenton bis zum letzten Kanon über die Ungewissheit des Lebens und Sterbens eine hochmusikalische und szenisch wie sprachlich durchrhythmisierte Angelegenheit ist. Martin Zels hat für seine Choräle und Liturgien unter anderem Bach umgeschrieben, es wird live musiziert und auch auf Latein gesungen. Dass dabei auch mal laienhaft gepoltert oder melodramatisch übertrieben wird, gehört zum Konzept. Ebenso wie die Tatsache, dass der Schluss mirakulös wie ein Mysterienspiel mit einer Lösung um die Ecke kommt, die "Denken, Fragen, Singen, Küssen" mit dem Glauben versöhnt und selbst die Standeszugehörigkeit zu einer Bagatelle macht.

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