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"Die Nerven" zeigen beim Theatron Facetten des Punk auf

Dass eine Band letztlich immer auch eine Ansammlung von Individualisten ist, dürfte hierzulande wohl kaum eine Formation anschaulicher demonstrieren als Die Nerven aus Stuttgart. Sie haben mit Max Rieger einen Gitarristen und Sänger, der mit pechschwarzem Rollkragen-Outfit und dunkler Sonnenbrille einen ebenso coolen wie distanzierten Existenzialisten-Nimbus pflegt. Mit Julian Knoth einen komplett geerdeten Bassisten und Sänger, dem jedes exaltierte Bühnengewese fremd zu sein scheint. Und schließlich mit Kevin Kuhn einen dauergrinsenden Schlagzeuger in Ozzy-Osbourne-Shirt und Boxershorts, der sich mit seinen forschen Anstacheleien ("Letztes Mal sind hier aber alle aufgestanden!") und ulkig verpiepsten Mitsing-Animationen ("Don't Look Back In Anger") allerdings nicht nur Freunde im Publikum des Theatron macht.

Musikalisch spiegelt sich diese Typen-Bandbreite indes in einem Sound wider, der so ziemlich jede Klangfacette aus fünf Jahrzehnten Punk-Gegenkultur abdeckt. Kongenial angebahnt vom Berliner Trio Levent um Sängerin Heike Marie Rädeker, das an zwei Bassgitarren eine Art dreckig angezerrten Garage-Psychrock zum Kreiseln bringt, zeigen Die Nerven mit ihrem Theatron-Gig eindrucksvoll, dass Punk deutlich mehr sein kann als bloßer Drei-Akkord-Minimalismus.

Mit großer Lust am Wechselspiel zwischen noisiger Wucht und ätherischem Wohlklang vereinen sie griffige tocotronische Anti-Selbstoptimierungs-Slogans ("Finde niemals zu dir selbst") und gleißenden Post-Punk-Drive sowie klassischen Pogo-Punk ("Dreck"), kathartisch rausgeknüppelten Brüll-Hardcore ("Frei") und hypnotisch zirkulierende New-Wave-Pastiches ("Neue Wellen"), um mit einer schier endlos ausgewalzten Quasi-Krautrock-Version von "Der letzte Tanzende" tatsächlich noch einmal sämtliche ihrer zahlreichen stilistischen Verstrebungen final zusammenzuführen. Famos!