Süddeutsche Zeitung

Kurzkritik:Maske runter

Reiner Kröhnert mit "Mutti Reloaded" in der Lach und Schieß

Von Thomas Becker

Das Plakat ließ Schlimmes ahnen. Ganz Schlimmes. Es zeigt den Künstler mit Merkel-Perücke, Sonnenbrille auf der Nasenspitze und etwas dümmlichem Grinsen. Darunter der Titel: "Mutti Reloaded". Nur die Raute-Finger haben nicht mehr aufs Bild gepasst. Das kann ja was werden, denkt sich der beinahe vorurteilsfreie Besucher beim Marsch in die Lach- und Schießgesellschaft. Und das wird dann auch was: ein verdammt guter Abend. Surprise, surprise.

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sich Reiner Kröhnert an der Kanzlerin ab. Die Merkel-Perücke hat der Mittfünfziger schon bei drei anderen seiner insgesamt zehn Solo-Programme getragen. Wird das nicht langweilig? Jeden Abend die Mutti spielen? Immer nur Mundwinkel-Witze? Aber so ist es ja gar nicht. "Die Königin der Macht" (Kröhnerts Programm 2007) ist nur eines von 23 Parodie-Opfern, eines besser getroffen als das andere, sowohl in Stimme als auch in Mimik.

Nicht zu übersehen, dass Kröhnert, der als Kind Stotterer war, Schauspieler gelernt hat. Doch er kann mehr als nur imitieren. Mit wenigen treffenden Sätzen arbeitet er den Charakter seiner Figuren heraus, demontiert mit seinen Mini-Theaterstücken so manche Fassade. Den Bundespräsidenten lässt er sagen: "Eitel bin ich überhaupt nicht - obwohl ich allen Grund dazu hätte." Wolfgang Schäuble schimpft auf Varoufakis "mit seinem Randale-Rucksäckle aufm Schuldebuckel"; Klaus Kinski macht mal wieder Werner Herzog runter, und der Gerd schrödert, dass es nur so ackert. Herrlich auch die Duos und Trios: Honecker und Stoltenberg in der Vorhölle; Genscher, Süßmuth und Hans-Jochen Vogel bei der Parteienanalyse oder der grandios schleimige Michel Friedman als Gastgeber von Boris Becker, Daniela Katzenberger, Kaiser Franz und Dieter Bohlen.

Kröhnert hat sie alle drauf - und wie! Nur die Nummer mit Pofalla, Hinze und den Darmwinden der Chefin hätte es nicht gebraucht. Und einen Mundwinkel-Gag hat er natürlich auch im Programm: "Wenn Sie wissen wollen, wie es Ihnen geht: Schauen Sie mich an", sagt La Merkel, "trainieren Sie Ihre Mundwinkel! Down is beautiful". Reiner Kröhnert, der Mann mit den vielen Stimmen und Gesichtern, aber auch.

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Quelle:
SZ vom 28.08.2015
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