Kurzkritik Lustig

"Die Höchste Eisenbahn" improvisiert im Strom-Club

Von Martin Pfnür

Möchte man etwas mehr über die Wesensart einer Band erfahren, so bietet sich neben entsprechender Lektüre vor allem eines an: die Konzertmomente zwischen den Stücken. 2016 konnte man da etwa auf erhabene Schweiger wie Robert Smith, zum Dadaismus neigende Zyniker wie Thom Yorke oder Diven wie Brian Molko von Placebo treffen, der in Leipzig allzu euphorische Fans ermahnte, er müsse sich hier "verdammt noch mal konzentrieren".

Im Fall der Berliner Indie-Pop-Band Die Höchste Eisenbahn um die beiden Songwriter Francesco Wilking und Moritz Krämer lässt sich diesbezüglich indes nur Positives berichten. War doch das, was die beiden im ausverkauften Strom-Club zwischen den Stücken boten, nichts weniger als große, ungezwungene Improvisationskunst. Er hätte heute irgendwie mehr Lust zu "sabbeln", sagte Wilking, der höchst unterhaltsam von einer Speisewagen-Begegnung mit Reinhold Messner erzählte, während der erkältete Krämer mit einem irren Impro-Hörspiel glänzte, in dem er kurzerhand seinen Aspirin-bedingten "Ephedrin-Rausch" verarbeitete.

Ach ja, musiziert wurde auch noch. Galt es doch mit "Wer bringt mich jetzt zu den Anderen" ein Album vorzustellen, das im Vergleich zum Debüt "Schau in den Lauf Hase" eine Spur Synthie-lastiger ausfiel. Im Rahmen eines watteweichen Softpop-Song wie "Gute Leute" erinnerte das sehr gelungen an das französische Quartett Phoenix, wohingegen ein Stück wie "Stern" auch live etwas arg Richtung Schlager verrutschte. Angesichts einer Band, die es wie kaum eine zweite versteht, zwischen musikalischer Eingängigkeit und textlicher Eigenwilligkeit, zwischen ergreifend balladesken Pop-Momenten ("Raus aufs Land"), kompakten rockigen Ausbrüchen und federnden Mali-Grooves ("Schau in den Lauf Hase") zu changieren, ging das aber ebenso in Ordnung wie die eingestreuten Zeilen des Blumfeld-Songs "Draußen auf Kaution", die Krämer im neuen Stück "Woher denn" einbaute. Große Improvisationskunst eben.