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Kurzkritik:Lust auf mehr

Jasmine Ellis Tanzstück "Empathy" im Schwere Reiter

Von SABINE LEUCHT

Wenn Evelyne Rossie ins Mikro flüstert, wie befriedigend das Entrollen eines "sticky grey tape" für sie ist, oder geräuschvoll ein Wasserglas leert, würde man sie für jeden Kinderfilm casten. Wenn sie indes zu Beginn von Jasmine Ellis' "Empathy" ihre Glieder hüpfen und fliegen lässt, wirkt sie so tough wie eine Jedi-Ritterin. Überhaupt zieht einen der Anfang dieser Performance der in München lebenden Kanadierin, die drei Musiker und vier Tänzer im mit weißen Planen abgehängten Schwere Reiter aufeinandertreffen lässt, sofort in den Bann.

Während Rossie, Yael Cibulski, Luca Racitti und Lukas Malkowski zwischen exaltierten Club-Solisten und Borderlinern menschmaschinenhaft vor sich hin ruckeln, wild austreten, spooky Körperwellen schlagen oder sich so punktgenau wie en passant zu kurzen Duetten finden, spinnen Lukas Bamesreiter, Ralph Heidel und Maximilian Hirning ihnen ein vielgestaltiges musikalisches Netz. Dessen räumliches Äquivalent hat Nicola Missel von einer Bühnenecke aus in Richtung der Decke über dem Zuschauerraum gespannt: Vertrackt und filigran spielt es auf Vorhaben und Titel des Abends an, der unsere Mitfühlfähigkeit und Bereitschaft zum mentalen Perspektivenwechsel untersuchen will beziehungsweise ihr Fehlen beklagt - oder schlicht das Theater als Ort behauptet, an dem ein von Empathie getragenes Wir möglich ist.

So ganz weiß man es bis zum Schluss nicht, so gekonnt sich die Tänzer auch zu bewegen wissen und so gerne man dem sich allmählich ausweitenden Dialog zwischen Musik und Bewegung folgt. Wie Ellis in ihrem von der Stadt München debütgeförderten Stück die anfangs fast autistisch wirkenden Charaktere sich öffnen lässt, verrät ein immenses Können; die von Beginn an existente emotionale Brücke in den Zuschauerraum dagegen wird durch ein Gitarrensolo mit mundgeblasenem Bühnennebel eher ironisiert als verstärkt. Nach starkem Auftakt wird der Abend punktuell gefühlig; der Einsatz der Mittel wirkt zuweilen beliebig, der Übergang der Szenen zunehmend unausgereift. Vielleicht hat dem jungen Team am Ende auch einfach die Zeit gefehlt - oder die Abgezocktheit. Die Frische des Beginns und der subtile Witz der Mikrofonszene alleine aber machen unbedingt Lust auf mehr.

© SZ vom 13.01.2018
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