Kurzkritik Kult

Pop trifft Klassik und Klassiker bei "Night of the Proms"

Von DIRK WAGNER

Seit 25 Jahren feiert "Night of the Proms" auch in Deutschland eine Begegnung von Popmusik und Klassik, die heuer die Olympiahalle wieder dreimal füllte. Mittlerweile gehört sie hierzulande in die Adventszeit wie die Märchenoper "Hänsel und Gretel". Entsprechend bekannt ist der Aufbau der Show, in der wechselnde Stargäste von einem festen Ensemble aus Band, Chor und Orchester begleitet werden, das immer wieder selbst Star ist.

Etwa wenn es das Adagio aus Dvořáks Neunter, den Titelsong zur TV-Serie "Berlin Babylon" oder anlässlich von Bernsteins 100. Geburtstag dessen "Mambo" aus der "West Side Story" offeriert. Insofern solcher Mambo auch dank der Bläser mehr einem Jazz- als einem mitteleuropäischen Klassik-Verständnis entspricht, wirkt der Klassik-Anteil deutlich geringer als in den Anfangsjahren. Als wäre das Konzept "Pop trifft Klassik" in ein "Pop trifft Klassiker" alterniert. Darum wird selbstbewusst der Beatles-Klassiker "Hey Jude" anstelle des früheren Finales "Land of Hope and Glory" von Elgar gesetzt. Was schade ist, weil dieser erste "Pomp and Circumstance March" dann doch mehr Pomp hatte. Leider bleibt auch die Gelegenheit ungenutzt, das Publikum bei der gebotenen Bacchanale aus Saint-Saëns' Oper "Samson et Dalila" mit der dazu gehörigen Tanzeinlage auch optisch zu verwöhnen. Trotzdem vergehen drei Stunden selten so kurzweilig wie auch diesmal wieder bei "Night of the Proms".

Für spannende Abwechslung sorgen die Kurzauftritte des Schlagersängers Tim Bendzko, des belgischen Singer-Songwriters Milow, des Gitarristen Petrit Çek, der Pointer Sisters und des Roxy Music-Sängers Bryan Ferry. Zumal deren Songs vom Orchester aufregend neu eingekleidet werden. Der Musik-Clown Gabor Vosteen amüsiert zudem mit einem Spiel auf gleich mehreren Blockflöten, die er auch mal mit seinen Nasenlöchern spielt. Und schließlich wird John Miles gefeiert, der zu "Night of the Proms" gehört wie ein geschmückter Tannenbaum zum Weihnachtsfest. Solche Show für die ganze Familie findet man im Programm der hiesigen Fernsehanstalten leider nur in deren Archiven. Wenn überhaupt.