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Kurzkritik:Kraftvolle Bilder

Kroatisches glagolitisches Requiem von Igor Kuljerić begeistert die Zuhörer

Ist es überhaupt ein Requiem? Die in ihrem diesseitigen Pathos überwältigende Klangmasse gründet nicht auf Kontemplation. Mit dem "Hrvatski glagoljaški rekvijem", dem kroatischen glagolitischen Requiem von Igor Kuljerić, präsentieren der Chor des Bayerischen Rundfunks und das Münchner Rundfunkorchester die andere Seite der Totenmesse: Das Requiem, 1996, im Folgejahr des Abkommens von Dayton, uraufgeführt, ist für die Toten genauso geschrieben wie für die Lebenden.

Der engagiert singende Chor, das unter Ivan Repušić brillierende Orchester und vier exzellente Solisten inszenieren die Klammer mit Lust. Der Trost, den das Werk spenden soll, manifestiert sich im Ja zum Leben, im Gesang. Rasend sind die Affektwechsel, die das Ensemble in immer neuen Klangschichtungen umsetzt. Momente der Innigkeit wie das Klarinettensolo aus Olivier Messiaens "Quatuor pour la fin du temps", mit dem Eberhard Knobloch den Abend in konzentrierter Schönheit einleitet, wechseln mit Passagen, die zum Tanz taugen. Das herzzerreißende Duett von Sopran und Alt, in dem sich Kristina Kolars und Annika Schlichts Stimmen aufs Beste mischen, wird unterbrochen von Ljubomir Puškarićs Bass, der den Tag des Zorns prophezeit. Auf das schmeichelnde Chor-Unisono der Gerichtsposaunen folgt der Eingangsmarsch des schrecklichen Königs. Ein strahlendes Tenor-Solo (Eric Laporte) mischt sich ein, Panik setzt sich im Chor-Flüstern um. Hier rascheln die Konsonantencluster. Kuljerić hat einen Raum geschaffen für die Erinnerung an katholische Messriten, aufgeschrieben in glagolitischer Schrift, gesungen auf Kroatisch.

Einen Eindruck von der Sprachmelodie vermittelt Schauspieler Miroslav Nemec durch die dringliche Rezitation eines Gebets. Liturgische Sprache und Musik werden zum Träger der komplexen Ausdruckswelt Kuljerićs. Repušić erweist sich als Choreograf des Chaos'. Mit präzisem Dirigat zelebriert er diese Messe, auf die das Publikum der Herz-Jesu-Kirche mit brausendem Beifall reagiert.

© SZ vom 17.02.2020
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