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Kurzkritik:Köstlich amüsieren

Die 1920er mit dem Jewish Chamber Orchestra

Zum sechsten Mal lud das Jewish Chamber Orchestra Munich (vormals Orchester Jakobsplatz) zur "Flimmerkammer" in die Münchner Kammerspiele. Die Stummfilme "Panzerkreuzer Potemkin", "Der Student von Prag", "Das neue Babylon", "Das alte Gesetz" oder "Nerven" wurden hier schon live mit neuer Musik begleitet. Jetzt gab es ein bunt gemischtes Programm, wie es in den großen Kinopalästen der Zwanzigerjahre üblich war. Einer Wochenschau, welche die Trauerfeier für Kurt Eisner und die Zerschlagung der Räterepublik thematisierte, folgte da etwa ein schräger Werbefilm.

Nachdem die Moderatorin Zeynep Bozbay ausgerechnet das feministische "Raus mit den Männern aus dem Reichstag" von Friedrich Hollaender gesungen hatte, propagiert dagegen der Film für das Kaufhaus Goldmann in Dresden von 1927 die für den Gatten elegant herausgeputzte Ehefrau. Soeben auf dem Laufsteg vorgeführte Haute Couture wird da per Telefon verschickt und rettet das Eheglück. Wunderbar! Die Musik dazu von Josef Piras ist so passgenau geschneidert, dass man sie kaum separat wahrnimmt. Ähnlich ergeht es mit einer köstlichen Komödie von Max Davidson, ebenfalls von 1927, in der ein Fertighaus zerstörerisches Eigenleben entwickelt. Stan Laurel und Oliver Hardy sind in Nebenrollen zu erleben, und die minutiös den Gags folgende Partitur von Dominik Giesriegl besitzt beim Jewish Chamber Orchestra unter Daniel Grossmann die perfekte Leichtigkeit.

Ganz anders die aufmüpfig querständige Musik von Martin Smolka, die zu Ernst Lubitschs "Die Puppe" (1919) wunderbar ironisch raunt, röhrt oder rasselt: Ein Jüngling stimmt hier einer Heirat nur zu, weil sie mit erheblicher Mitgift verbunden ist, und er glaubt, nur zum Schein Hochzeit feiern zu müssen - mit einer Puppe. Die entpuppt sich jedoch als quicklebendig und führt den Bräutigam so an der Nase herum, dass er Gefallen an ihr findet und glücklich die schon erfolgte Eheschließung preist.

© SZ vom 13.02.2020