Süddeutsche Zeitung

Kurzkritik:Klang der Wolken

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Ludovico Einaudi verzaubert in der Philharmonie

Von Paul Schäufele

Dunkel ist es im Labor des Meisters. Träge verflüchtigen sich noch letzte Nebelschwaden. Wenn sich schließlich seine Silhouette und die seiner Amanuenses ausmachen lassen, weiß man: Nicht lange mehr, dann gilt es sich zu vertiefen in die Welt Ludovico Einaudis. Melodiepartikel, Tonwiederholungen, rhythmische Patterns. Und dann und wann ein anderer Akkord. Was der eminent erfolgreiche Komponist und Pianist hier im Zusammenspiel mit Federico Mecozzi (Geige) und Redi Hasa (Cello) präsentiert, ist eine Auswahl aus seinem jüngsten Großprojekt "Seven Days Walking".

Für Einaudi sind vier Wochen wie ein Tag. Jeden Monat ist ein Album erschienen, sieben Mal hintereinander. Einaudi verarbeitet darin Natureindrücke, er macht Wolkenschau zum Klangerlebnis, Regengüsse zur Partitur. Seine Stücke sind komponierte Rundwege. Manchmal unterstützen Cello und Geige die Oberstimme, manchmal die Unterstimme. Meist bleibt der Musikfluss im dynamischen Bereich zwischen Piano und Mezzopiano. Und dann und wann ein anderer Akkord. Nach einigen Minuten unterbricht dröhnende Stille das melancholische Strömen. Applaus, und noch einmal von vorne.

Ludovico Einaudi hat ein Modell gefunden und es perfektioniert - Variationen über kein Thema. Wer würde dem Berio-Schüler verübeln, dass er es immer und immer wieder anwendet? Er wird dafür geliebt. Einaudi spielt sich so in fließendem Übergang von einem Stück ins nächste, einmal schaltet er diskretes Radio-Rauschen dazu. Seine Finger gleiten vor allem über weiße Tasten, die melodischen Floskeln sind in ihrer Durchsichtigkeit kaum greifbar. Und dann wann ein anderer Akkord. Viele im Publikum lächeln. Einaudi zelebriert eine Art des Künstlertums, das sich von der Originalität als Basiskategorie verabschiedet hat. Seine Auftritte sagen nicht "Bewundert mich!". Vielmehr scheinen sie die Umsetzung des Mottos "Das könnt ihr auch, eigentlich!". Dafür erntet er den stehend vorgebrachten Jubel eines ausverkauften Konzertsaals. Und plötzlich ist Schluss.

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Quelle:
SZ vom 18.11.2019
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