Kurzkritik Kaum gröbere Zacken

Die Philharmoniker mit Anton Bruckners achter Symphonie

Von Barbara Doll

Wie ein riesenhaftes Tier, das gerade aufgeweckt wurde und sich nur widerwillig bewegt - so hebt der erste Satz an, und für eine Weile hört man einen mystisch raunenden Bruckner auf die Philharmonie zurollen. Schnell wird jedoch klar, dass dem ganz und gar nicht so ist. Vom Weihrauch alter Tage ist kaum etwas zu finden in Bruckners achter Symphonie, die Valery Gergiev mit den Münchner Philharmonikern aufführt. Den massiven Orchesterapparat mit einem Fundament von zehn Kontrabässen hat Gergiev klanglich vorteilhaft ganz hinten auf dem Podium platziert. Wie er diesen einsetzt, wirkt im Verlauf der Symphonie aber nicht immer rund und schlüssig.

Gerade der erste Satz mit seinen bitteren, gewaltsamen Ausbrüchen und klanglichen Verkantungen erscheint seltsam unentschieden. Das Unvermittelte, Brüchige wirkt abgeschliffen, die für die musikalische Architektur so entscheidenden Übergänge sind oft allzu beiläufig - wenn auch mit großer Energie und weitem Atem musiziert. Die Temporelationen lassen kaum gröbere Zacken herausragen. Das grandios Beklemmende des Kopfsatzes mit seiner von Bruckner so bezeichneten "Totenuhr" bleibt verhalten. Umso schöner blühen die kammermusikalischen Momente auf, für die Gergiev den Musikern viel Raum lässt. Kantabel, warm, intensiv spielen die Streicher; die Blechbläser glänzen bis ins Fortissimo rund und prächtig. Viel besser passt der flüssige, straffe Tonfall zum Scherzo, in dem Bruckner den "deutschen Michel" erkannte. Gergiev lässt es handfest, stur und energiegeladen fließen; das Trio mit den Harfenaufschwüngen hält er knapp und weist so auf das Adagio voraus: Kein ehrfurchtsvoller Endlosgesang, kein existentialistisches Brüten, sondern eine leichte Meditation mit klaren Phrasierungsbögen, magischen Piano-Stellen, Wagner-Anklängen. Im Finale wie im Kopfsatz führt der beiläufige, fast sportliche Duktus dazu, dass die riesigen Abgründe und Kontraste nur begrenzt aufreißen. Dabei hätte es noch reichlich auszukosten gegeben.