Kurzkritik:Kantable Kraft

Die Philharmoniker unter Valery Gergiev im Gasteig

Von Harald Eggebrecht

Den Münchner Philharmonikern und ihrem Dirigenten Valery Gergiev gelang in der Philharmonie eine "Scheherazade" von Nikolai Rimskij-Korsakow, in der Glanz und Reichtum orchestralen Erzählens imponierend entfaltet wurde. Dazu gehören die feurigen Soli von Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici als Scheherazade ebenso wie die von Solocellist Michael Hell und die vielfältigen Einlagen der Holz- und Blechbläsersolisten.

Gergiev animierte mit beschwörenden Gesten und die Musiker antworteten mit der ganzen dunklen Fülle, der ganzen rhythmischen Vitalität und kantablen Kraft ihres erdig-warmen Gesamtklangs. Dementsprechend Ovationen für eine Leistung schönster Orchesterkultur. Es war nicht nur äußeres Gelingen gleichsam im Sinne einer zweidimensionalen Ansichtskarte, sondern die Aufführung drang ein in die tiefgestaffelte Räumlichkeit dieser genialen Partitur, die erst dann ihre Assoziationsmacht freigeben kann. Zuletzt schien der Saal im Banne der gewaltigen Klangwellen mit zu wogen, bis sich der Märchensturm beruhigte und sanft verklang.

Zuvor hatten Gergiev und die Philharmoniker Maurice Ravels "Le tombeau de Couperin" elegant, auch leichtfüßig errichtet. Aber es ging doch ein bisschen zu flüssig und rasch dahin, so dass das Genießen von Ravels höchst differenzierender Instrumentationskunst und den daraus folgenden betörenden Klangmischungen etwas zu kurz kam. Als Cellosolist bei Peter Tschaikowskys Rokoko-Variationen trat Andrei Ioniţă, Jahrgang 1994, auf. Der mit Preisen überhäufte junge Mann war tonlich und technisch ungemein präsent. Insgesamt jedoch geriet ihm das Stück etwas zu manieriert: die Moll-Variation, ein wehmütiges Andante, das einer kurzen Verdunklung in der liebenswürdigen Mozart-Helligkeit dieser Variationen gleicht, rückte er in eine Largo-Depression, das Finale durchraste er ohne Federlesen. Zugaben von Sergei Prokofjew und Johann Sebastian Bach.

© SZ vom 15.05.2017
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