Kurzkritik In Watte verpackt

Die Hamburger Band "Die Heiterkeit" im Strom

Von FLORIAN HOLLER

Ein wolkenverhangenes Gebirge, durchbrochen von einer roten Blutspur: Nicht nur das Cover des neuen Albums "Was passiert ist" der Hamburger Band Die Heiterkeit erinnert an Thomas Manns Roman "Der Zauberberg". Während Manns Protagonist Hans Castorp sich vor den widrigen Lebensrealitäten in ein traumähnliches, watteverpacktes Leben in die Schweizer Berge flüchtet, instrumentiert die Frontfrau und Bandleaderin Stella Sommer auf dem neuen Album eine wohlige Klangwelt, die als Soundtrack des Romans bestens geeignet zu sein scheint. Wesentlich versöhnlicher, dafür umso orientierungsloser und verträumter erschallt die dunkle Stimme Sommers auf Liedern wie "Was passiert ist" oder "Das Wort".

Arrangiert ist das Album mit gewohnter Finesse und strenger Zurückhaltung. Breite Orgelflächen ergießen sich über zurückhaltende Klavierakkorde und feinfühlige Drums. Nur selten wird diese umarmende Pop-Einladung von treibenden Schlagzeug-Einlagen und Synthesizern unterbrochen ("Ein alter Traum", "Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert"). Im so gut wie ausverkauften Strom konterkariert Sommer diese verträumte Weltabgewandtheit ihrer Lieder zunächst mit einer zwingenden und entschlossenen Bühnenpräsenz, wenn sie zielsicher zwischen Klavier, Gitarre und Mikrofon umherschreitet.

Die Band hinter Stella Sommer wiederum bleibt bestens funktionierendes Beiwerk, mit dem das Publikum mit den fein austarierten Arrangements in eine warme Blase tranceartiger Melancholie versetzt wird. Hans Castorps schwärmerisches Leben auf dem Zauberberg endet ja bekanntlich im Blutbad des Ersten Weltkriegs, in dessen Strudel Castorps Spuren sich verlieren. Wenn Die Heiterkeit mit "Pauken und Trompeten" ihr Konzert gegen halb elf beenden, erwacht das Münchner Publikum ungleich sanfter aus diesem Pop gewordenen Traum. Man kann nur hoffen, dass das auch bei den nächsten Konzerten so bleibt. Hans Castorp jedenfalls hätte diese Band gefallen.