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Kurzkritik:In tiefer Not

Gergiev überwältigt mit Schostakowitsch

Von Egbert Tholl

Es ist Irrsinn, Groteske, Satire. Bis an die Rückwand in der Philharmonie zurückgedrängt, sitzen die Münchner Philharmoniker dicht beisammen, in riesiger Besetzung. Von da hinten rollen Wellen der Überwältigung ins Publikum, wieder und wieder. Diverse stahlharte Überfälle, sehr plastisch, sehr trocken musiziert, ein fabelhafter Lärm, der für die Vertreter der sowjetischen Staatskunst ein Schlag ins Gesicht gewesen wäre, hätten sie die vierte Symphonie von Schostakowitsch schon 1936 gehört. Haben sie aber nicht, der Komponist hat sie 25 Jahre versteckt, wohl wissend, dass ihm Stalin angesichts dieses Werks vollends den Garaus gemacht hätte.

Dabei ist nichts menschlicher als diese Zerrissenheit, die die Musik von Gustav Mahler in die Moderne hebt und jeden utopischen Zukunftsglauben vernichtet. Wütet hier kein Furor, dann entstehen Momente beklemmender Einsamkeit. Entweder Ingrimm oder Weh, was anderes gibt es hier nicht, auch wenn im dritten Satz eine bizarre Albernheit aufscheint. Wie ein Seufzer der Erinnerung. Am Ende verhallt Guido Segers Trompete im leeren Nichts.

Valery Gergiev liebt Schostakowitsch. Aber auch die Musik von Galina Ustwolskaja. Deren dritte Symphonie stellt er an den Anfang des langen Programms. Sie ist die karge, bedingungslose Umwölbung einer flehentlichen Bitte um Errettung durch Gott, 50 Jahre nach der Symphonie von Schostakowitsch entstanden und doch wie aus dieser geboren. Alexei Petrenko trägt den wenigen Text vor, wie getrieben von höchster Angst. Doch Hoffnung gibt es hier weit und breit nicht, dafür danach zur Erholung Rachmaninow.

Als Klangfest des bestens aufgelegten Orchesters taugt dessen drittes Klavierkonzert allemal. Aber weder Gergiev noch der handwerklich stupende, jugendlich blühende Pianist Behzod Abduraimov können ihm mehr als brillante Virtuosität abgewinnen. Es rauscht gut durch, mehr nicht.

© SZ vom 16.07.2016

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