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Kurzkritik:In Jiddischland

Uwe von Seltmann stellt sein Buch über Mordechai Gebirtig vor

Er mimt den munteren Animateur auf seiner Reise ins "Jiddischland". Auf Jiddisch. Eröffnet aber wird der Abend aber mit "Reisele", einer dieser wehen Melodien, die jene Jiddischkeit atmen, wie sie nach 1939 gewaltsam zum Schweigen gebracht worden war. Uwe von Seltmann, gebürtig aus Müsen im Siegerland, studierter evangelischer Theologe, ist, seit er auf den Dichter und Sänger Mordechai Gebirtig aufmerksam wurde, vom Jiddischvirus befallen. Im Jüdischen Museum, wo er auf Einladung der Literaturhandlung sein Buch "Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes" vorstellt (Homunculus Verlag), kann er sicher sein, im Publikum Jiddisch-Sprecher zu finden.

Und selbst unter den Jiddisch-Nichtsprechern kennen viele zumindest dieses eine Buchtitel-gebende Lied "Es brennt", vielleicht sogar in der dramatisch-beschwörenden Version von Belina aus den Fünfzigerjahren, die dessen verzweifelten Kampfgeist hervorhebt. Dieses Lied hat Gebirtig, der Bundist, der Sozialist, 1936 geschrieben nach einem Pogrom, also deutlich vor dem Einfall der Deutschen in Polen, als die Schtetlech brannten und auch die Menschen darin und "Es brennt" zur Hymne jüdischen Widerstands wurde. 170 Lieder und Gedichte des Sängers und Komponisten haben die Schoah überlebt.

Seltmann also hat Hebräisch und Jiddisch gelernt, hat vier Jahre lang akribisch recherchiert. Und ist dorthin gezogen, wo Gebirtig lebte und wirkte, nach Kazimierz, ins einstige Judenviertel von Krakau. Dort hatte Mordechai Gebirtig seine Hörer unter den "Luftmenschen", wie man die nannte, die im Schtetl zuhauf von nur wenig mehr als nichts lebten. Gebirtig selbst wurde 1942 im Krakauer Ghetto ermordet. Seltmann hat mit seiner umfassenden 400-Seiten-Biografie einen wichtigen Teil dessen ins Bewusstsein gerückt, was die Nazis ausgelöscht haben: die jiddische Kultur. Und: Der tote Jude, die tote Kultur, sie verkaufen sich gut.