Kurzkritik Hinreißend schmachten

Maxim Vengerov geigt bei den Philharmonikern

Von Barbara Doll

Ein Knallerprogramm in romantischer Vollfettstufe stand bei den Münchner Philharmonikern auf dem Programm: Tschaikowskys Violinkonzert, Dvoráks achte Symphonie, davor ein bisschen Beethoven. Es gibt Dirigenten, die das mit einer Überdosis Sahne ersticken. Manfred Honeck und die Philharmoniker nehmen es als Plattform für feine Dynamik- und Farbzaubereien. Das zeigt sich schon in Beethovens Ouvertüre "Die Geschöpfe des Prometheus" mit wunderbar ausbalancierten dynamischen Kontrasten und fein gezeichneten musikalischen Charakteren. So harsch und trocken die Anfangsakkorde hingeschmettert werden, so geschmeidig fließt die Musik weiter, mal lieblich tänzelnd, mal ungestüm wirbelnd.

Ein enorm bewegliches Klangbild zeichnen die Philharmoniker an diesem Abend, und das tut auch Tschaikowskys Violinkonzert gut. Luftig und kantabel kommt die Einleitung, ohne Druck, aber nicht minder dramatisch. Geiger Maxim Vengerov kann mit warmem, butterweichem Ton aufsetzen. Das Violinkonzert ist und bleibt ein Schmachtfetzen, und Vengerov kann hinreißend schmachten, besonders in der Lage auf den tiefen Saiten.

Vor allem aber macht er eine große Traumerzählung aus dem ersten Satz, sehr frei und improvisatorisch. Intime, flüchtige Stimmungen stehen neben himmelhoch ausladenden Kantilenen. Die prächtig pointierten Orchester-Zwischenspiele geben Drive und halten die Spannung aufrecht. Im zweiten Satz bauen die Musiker einen dichten Schwebeklang und reagieren sensibel auf Vengerov, der sich mit Andacht in die süße Melodie versenkt - und im rechten Augenblick tänzerischen Charme aufblitzen lässt. Im Finale lässt es der Geiger naturgemäß krachen, mit Biss und irrwitziger Motorik.

Die Kompaktheit und Präzision der Begleitung setzen die Philharmoniker in Antonin Dvoráks Achter fort. Der erste Satz wird zum schmissigen Strom ständig wechselnder Charaktere und klingt dabei wunderbar logisch: Beiläufiges fließt und blüht, Höhepunkte knallen saftig rein. Auch in den übrigen Sätzen ist alles drin - Melancholie und Glut, Zerbrechlichkeit, Wut, Triumph.