Kurzkritik Harte Sätze

Die Berliner Band "Gewalt" in der Roten Sonne

Von Jürgen Moises

Sätze wie "Wir waren schön wie Gott" oder den von DJ Alec Empire entliehenen "Wir sind uns selbst die Geilsten" zu sagen oder zu singen, das steht nicht jedem gut zu Gesicht. Im Falle von Patrick Wagner klingt es insofern passend und stimmig, als sich der Sänger der Berliner Band Gewalt früher mal das Kürzel "gaG" für "größer als Gott" gab. Das war zu Zeiten, als Wagner noch bei der bedeutenden Noise-Band Surrogat gesungen und die wichtigen Indie-Labels Kitty-Yo und Louisville Records geleitet hat. Vor knapp zehn Jahren folgte dann der finanzielle Absturz und eine dunkle Zeit, von der er auch beim Gewalt-Konzert in der gut besuchten Roten Sonne kurz erzählt.

In mythischen Zeiten hätte man so einen Absturz wohl göttliche Fügung genannt. Aber wir leben in neoliberalen, digitalen Zeiten, und da gilt das Scheitern, je nach Weltsicht, als menschliches Versagen oder als Systemfehler. Auch die Gewalt wird in der Regel so gesehen. Und vielleicht ist das, was Patrick Wagner, die Gitarristin Helen Henfling, die Bassistin Yelka Wehmeier und der Drumcomputer DM1 als Gewalt zusammen machen, tatsächlich der Versuch, das Menschliche als Systemfehler zu thematisieren. Damit sind die drei natürlich nicht die Ersten. Aber wenn Patrick Wagner im Halbdunkel zu harten Noise-Riffs und maschinellen Beats Sätze wie "Du bist allein" oder "Ich will es richtig machen" schreit oder skandiert, das Tier im Menschen evoziert oder eine vertonte, heutige Stellenanzeige zu Gehör bringt, hat das eine beeindruckende Dringlichkeit.

In der Wirkung erinnert das zuweilen an die Münchner Noise-Band Friends Of Gas, mit der Gewalt auch im musikalischen Austausch stehen. Auch sonst fühlt sich Wagner, wie er zum Publikum sagt, in München besonders gut verstanden. Vielleicht weil der ökonomische Druck, der ihn "gebrochen", "limitiert" hat (so ähnlich heißt es in "Limiter"), hier das Leben (zumindest bisher) noch stärker als in Berlin definiert.