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Kurzkritik:Härte und Harfe

Brandee Younger in der Unterfahrt

Sie sei ziemlich nervös, meint Brandee Younger, nicht nur weil sie zum ersten Mal in der Unterfahrt spiele, sondern vor allem weil Election Day sei. Der Morgen wird ihr nun signalisiert haben, dass sie es in den kommenden Monaten, Jahren wahrscheinlich nicht leichter haben wird: Ist sie doch schwarz, Frau, begabt, intellektuell, Jazzmusikerin aus New York noch dazu, also Teil des urbanen, freigeistigen Amerikas, dessen Stern derzeit zu sinken droht. Und dann spielt sie auch noch Konzertharfe, eine instrumentale Exotin, die in der westlichen Musiktradition zumeist als Dienerin der Texturen in den Orchestergraben verbannt ist.

Younger hat also gegen viele Widerstände anzukämpfen und manche liegen bereits in der Musik selbst begründet. Denn das Repertoire für Jazzharfe ist begrenzt. Sie behilft sich damit, dass sie mit Leuten wie John Legend und Lauryn Hill zusammenarbeitet und ihr eigenes Stilspektrum offen hält. Younger integriert pop- und soulnahe Stücke von Steve Wonder oder Dorothy Ashby ebenso in ihr Programm wie jazzige und spirituelle Kompositionen von Charlie Haden oder Alice Coltrane. Sie beschränkt sich klangpuristisch auf einen möglichst natürlichen Sound ihres Instruments, vermeidet Effekte oder Verfremdungen und entwickelt die Vielfalt aus den Eigenheiten der Harfe. Improvisation bedeutet daher weniger die übliche Skalenjagd, als vielmehr eine Arbeit mit der arpeggierenden Schichtung von Harmonien.

Der Bassist Mats Sandahl steht ihr dezent, aber prägnant zu Seite, um nicht mit den tiefen Harfentönen zu kollidieren, der Schlagzeuger Marc Ayza hält mit kompakten Strukturen dagegen. In der Kombination ergibt das ein üppiges Wechselspiel von schwebenden, fein differenzierenden Elementen auf der Basis eines traditionellen Soundverständnisses, das durch Youngers Virtuosität und Variationskompetenz vor der Verflachung bewahrt wird. Schließlich geht es nicht ums Einlullen, sondern um das Davonfliegen auf den Schwingen der Musik.