Kurzkritik Großartig phrasiert

Julian Prégardien singt Schuberts "Winterreise"

Von Klaus Kalchschmid

Worum geht es in der "Winter-reise"? Um "die zeitweilige Enttäuschung und schwere Depression eines selbstmitleidigen Karrieristen", wie Christian Gerhaher meint? Der junge Tenor Julian Prégardien lässt ihn an der Seite der exzellenten Akemi Murakami am Flügel im Max-Joseph-Saal oft sehr zornig singen - einen mit sich und der Welt Hadernden, der das am Ende vieler Lieder fast aggressiv herausschreit, so in "Wasserflut" ("Da ist meiner Liebsten Haus") oder das "Meinst wohl meinen Leib zu fassen?" ("Die Krähe").

Man spürt es in jeder wohlüberlegt ge-sungenen Phrase, dass sich Prégardien mit der "Winterreise" in einem CD-Projekt intensiv beschäftigt hat: Auf eine Lesung der großen Lotte Lehmann folgte Hans Zenders spannende "komponierte Interpretation" für Tenor und Orchester sowie zuletzt der Live-Mitschnitt des originalen Zyklus, angereichert (wie von Clara Schumann praktiziert) mit Klaviermusik von Scarlatti bis Mendelssohn. Auch im Max-Joseph-Saal vermittelt das "Lied ohne Worte" op. 67/3 zwischen den beiden Teilen. Immer wieder geht Prégardien, der großartig legato phrasieren kann und so die Schubertschen Melodien zum Leuchten bringt, ins Pianissimo zurück und variiert vibratoreiches und vibratoarmes Singen perfekt. Da endet der "Frühlingstraum" fast unhörbar ("Wann grünt ihr Blätter am Fenster? Wann halt' ich mein Liebchen im Arm?"), beginnt die folgende "Einsamkeit" gespenstisch fahl.

Eine wunderbare Wirkung geht von feinen Verzierungen der Worte "Herz", "ihr Bild" oder "Gefährte" aus und wenn Prégardien manchmal die Textänderungen am Original von Wilhelm Müller zurücknimmt, von denen man nicht weiß, wie bewusst sie von Schubert gesetzt sind. Da heißt es dann: "Schreib' im Vorübergehen 'noch' (statt 'dir') gute Nacht." Die Reihe "Liederleben" wird am Sonntag, 20. Mai, im Max-Joseph-Saal mit Lydia Teuscher (Sopran) und Andreas Burkhart (Bariton) mit Schumann-Liedern und Duetten fortgesetzt.