Kurzkritik Glück und Unglück

Gergiev, die Philharmoniker und Yuja Wang

Von Egbert Tholl

Yuja Wang kommt auf die Bühne der Philharmonie in einem Kleid, an dem die letzten Jahre jeglicher "Me too"-Debatte ohne den geringsten Widerhall vorbeigerauscht sind. Das eine Bein ist nackt bis zum Schritt, der Rücken frei bis zum Steißbein, der Bauch hat ein Guckloch. Dazu trägt sie Schuhe der größtmöglichen Lächerlichkeit. Sie selbst präsentiert sich auf jene längst überkommen geglaubte Weise, mit der der Klassikbetrieb einst junge, schöne, begabte Künstlerinnen glaubte vermarkten zu müssen. Aber, und das macht einen so traurig, Wang wirkt nicht wie ein irr gelaufenes Marketinggeschöpf, sie kleidet sich so, weil sie gefallen will. Weil sie nichts anderes hat. Sie spielt Klavier wie ein Roboter, absolut perfekt, spielte sie Schach, jeder Computer erbleichte vor ihr. Aber sie soll doch Kunst machen, Musik. Das macht sie nicht. Sie exekutiert ihren Part von Brahms' zweitem Klavierkonzert mit einem unabdingbaren Willen, der vielleicht den Musikern der Münchner Philharmoniker auf der nun kommenden Asien-Tournee interessante Erlebnisse bescheren wird, letztlich aber nur die Ausweglosigkeit eines Menschen zeigt, der nicht weiß, wohin mit dem, was er kann, der unendlich einsam ist. Jedenfalls: Der Brahms ist nix, und Valery Gergiev tut für Wang und für das Orchester auch nicht mehr, als uninspiriert in einer Kies-Kiste von Brahmsschen Motiven zu kramen. Mürbe, grob, langweilig.

Nach dem Unglück das größte Glück. Gergiev und die Münchner Philharmoniker spielen Mahlers Erste. Von Anfang an herrscht diese ganz tolle Spannung, gegen die der Kuckuck der Klarinette ansingt, die Ferntrompeten, die Hornglückseligkeit. Erst Mahlers eigenes Lied-Zitat bringt Erlösung, das ist immer so, aber selten so schön. Gergiev macht viel mehr Weh als Groteske, er will es poetisch duftend, nicht grell. Und im zweiten Satz macht Jörg Brückner mit einem einzigen Ton am Horn mehr Musik als Wang in 50 Minuten zuvor. Kein Wunder, dass der Trauermarsch dann ergreift.