Kurzkritik Gestaltungsruhe

Hélène Grimaud in der Philharmonie

Von Andreas Pernpeintner

Ihrem Programm für den Klavierabend in der Philharmonie schreibt Hélène Grimaud wundervolle Eigenschaften zu: dass die kleinen Kompositionen "Atmosphären zerbrechlicher Reflexion zaubern, eine Fata Morgana dessen, was war - oder was hätte sein können". Das klingt süßlich. Aber in der Tat, wenn sich eine so renommierte Pianistin Werken wie Debussys "La plus que lente" oder Erik Saties Gnossienne Nr. 4 annimmt und sie mit solcher Konzentration, Gestaltungsruhe und innigem Gespür spielt, entsteht trotz der kompositorischen Einfachheit große Musik. Wenn außerdem in dichter Abfolge gleich 15 Stücke dieser Art erklingen, wirkt das nicht mehr beliebig dahinparlierend, sondern führt zu einem beinahe zyklisch anmutenden Zusammenhang.

Grimaud findet für ihre Interpretationen einen überspannenden, gut austarierten Ton. Agogisch nimmt sie sich beachtliche Freiheiten; die erste Debussy-Arabesque zeigt dies gleich sehr deutlich. Die melodisch an sich dezidierteren Chopin-Stücke (Nocturne Nr. 19, Mazurka op. 17/4, Valse brillante op. 34/2) spielt die Pianistin mit solcher Transparenz, dass sie sich in die Umgebung von Debussy und Satie sehr schön einfügen. Debussys "Clair de lune" wiederum, innerhalb der "Suite bergamasque" eigentlich der Ruhepol, gibt Grimaud beachtliche Opulenz mit auf den Weg, sodass das Mondlicht nicht nur schimmert, sondern kräftig leuchtet. Für den Gesamteindruck, einen bemerkenswerten Klavierabend zu erleben, ist diese erste Programmhälfte entscheidend.

Für Schumanns "Kreisleriana" op. 16 hält Grimaud nach der Pause ihre interpretatorische Herangehensweise aufrecht - hier passt sie nicht ideal. Durch ihre klangfarblich schillernde, im Tempo weiterhin elastische Gestaltung wirkt Schumanns an sich fassliche Melodik mitunter etwas unkonkret oder verbirgt sich stellenweise hinter Grimauds rauschender Virtuosität. Zum Ausgleich spannen einige Zugaben aber einen schönen Bogen zur ersten Programmhälfte.