Kurzkritik:Entrümpelte Klassiker

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Der Jazzpianist Christian Sands in der Unterfahrt

Von Ralf Dombrowski

Stil ist eine Frage der Haltung. Auf seiner Internetseite findet man eine Fotorubrik, die Christian Sands im Kreise seiner Jazzfreunde zeigt, und eine zweite, die seine wohl sortierte und ausgewählte Garderobe zeigt. Dabei geht es nicht um Eitelkeit, sondern um Wertschätzung gegenüber der Kunst, der er sich widmet. Dazu gehört, dass der 28 Jahre alte Pianist und Wahl-New-Yorker auch auf der Bühne der Unterfahrt, wo sonst so manche Schlabberjeans getragen wird, im edlen Zwirn erscheint.

Und es ist ebenfalls eine Frage des Stils, dass er die Helden seines Genres im Laufe des Abends wie selbstverständlich in seine Musik integriert, als Geste der Hochachtung vor der Geschichte des Jazzklaviers, aber ohne darum groß Getöse zu machen. Denn Christian Sands ist in der Lage, die Petersons und Powells, Ellingtons und sogar Mehldaus der Zunft zu integrieren, zu transformieren und daraus eine individuelle, energiedurchzogene und die Individualismen der anderen hinter sich lassende Botschaft zu formulieren, die in die Zukunft des Jazzklaviers weist. Er spielt "Tenderly", zum Dahinschmelzen persönlich, zugleich klischeefrei. Er nimmt sich "I Got Rhythm" oder auch "Body And Soul" und entrümpelt die Basis-Klassiker zu modern boppenden Soul-Statements. Er wählt Eigenes wie "Reach", das er im Vergleich zur CD-Version vehement verändernder Interpretation unterzieht.

Über den Abend hinweg scheint es kaum Grenzen zu geben, die er pianistisch, gestalterisch oder emotional nicht hinter sich lassen könnte, auch wenn er die freie Schule der Expressivität nicht ausdrücklich tangiert. Dafür wird seine Meisterschaft von zwei eng mit ihm kommunizierenden Mitstreitern auf passendem Niveau flankiert. Eric Wheelers Kontrabass ist Rückgrat und Tonsalvengenerator in einem, Jerome Jennings Schlagzeug ein Füllhorn energetisch kommentierender Rhythmen. Dieses Trio hat viele große Säle vor sich, zum Glück konnte man es diesmal im Club hören.

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