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Kurzkritik:Eingefroren

Juli Zehs "Corpus Delicti" an der Schauburg

Kontaktlinsen, die den Blutzuckerwert testen, Hightech-Geräte, die die Gesundheit von Senioren überwachen, indem sie per App Informationen an Verwandte oder den Hausarzt schicken: Der Grat zwischen hilfreicher Fürsorge und totaler Überwachung ist schon heute schmal. Bereits 2007 bewies Juli Zeh mit ihrem Theaterstück "Corpus Delicti", das sie zwei Jahre später zu einem Roman umarbeitete, ihr Gespür dafür, gesellschaftlich brisante Themen imaginativ weiterzuspinnen. Im Jahr 2057 errichtet sie ihre Gesundheitsdiktatur, in der ein Überwachungsstaat mit einem ausgeklügelten Kontrollsystem, der sogenannten "Methode", den Körper zum Fetisch erhebt. Wer mit Nikotin und Koffein leichtfertig seine Gesundheit gefährdet, dem drohen Sanktionen, verpartnern darf sich nur, wer immunologisch einwandfrei zueinander passt.

In der Schauburg, wo jetzt die Inszenierung "Corpus Delicti" in einer Fassung von Regisseurin Ulrike Günther Premiere hatte, sind die fünf Darsteller mit vor den Bauch geschnallten grauen "Sixpacks" bestens für das Leben in der Fitnessdiktatur gerüstet. Vier große Glaskästen mit eingefrorenen Insassen mahnen an das Schicksal, das aufmüpfigen Bürgern droht. Sie flankieren das Geschehen um die systemkonforme Biologin Mia (Lucia Schierenbeck), die sich zur Zweiflerin wandelt und zuletzt als Staatsfeindin vor Gericht gestellt wird. Richterin Sophia (Julia Schmalbrock) thront mit einem Nofretete-artigen Kopfputz als Hohepriesterin in einem kühl-weißen Tempel, hinter ihr werden Porträts der aus Hygienegründen kahl geschorenen Delinquenten überlebensgroß an die Wand projiziert. Zwischen Dystopie und Justizdrama ist die Geschichte angesiedelt, die auch Züge eines Geschwistermärchens trägt. Denn der Selbstmord von Mias Bruder Moritz lässt aus der einst braven Ja-Sagerin Mia eine Ikone der Widerstandsbewegung "Recht auf Krankheit" werden. Womit auch "Die ideale Geliebte", eine von Nele Sommer personifizierte Wahnvorstellung, vom Bruder auf die Schwester übergeht. Ein schöner Regieeinfall, dass am Ende diese "Geliebte" ihre coole gelbe Mütze Mia auf die Glatze setzt.

"Corpus Delicti" ist ein sehr "didaktisches Buch", wie Juli Zeh einmal selbst einräumte; bei der ästhetischen Umsetzung ihrer scharfsichtigen Visionen geriet sie in ein Dilemma, dem auch Regisseurin Ulrike Günther nicht ganz auszuweichen vermag: Trotz der spannenden Thematik wirken die Figuren zu papieren; auch wenn Nele Sommer als "Ideale Geliebte" sympathisch flippig agiert oder Janosch Fries als Chefideologe und Journalist Kramer zwischen den Zuschauerreihen beredt agitiert. Die Dialoge sind ähnlich steril und kühl wie die "Methode", von der sie erzählen. Wenn so viel argumentiert statt dramatisiert wird, friert eben nicht nur die Terroristin wider Willen ein.