Kurzkritik Einfühlsam

Schuberts "Winterreise" als Micro-Oper

Von Rita Argauer

Zuerst einmal erscheint die Verbindung schlüssig: Die Münchner Sängerin und Künstlerin Cornelia Melián verknüpft als Projekt ihrer Micro-Oper Schuberts "Winterreise" mit dem Leid und dem Reiseweg der heute Flüchtenden zum installativen Musiktheater "Winter". Das Theater Hoch X wird dabei zu einem assoziativen Klangraum, in dem Fragen wie Hoffnung und Resignation, Moderne und Romantik sowie Empathie und Zynismus verhandelt werden.

Melián tut gut daran, die Reise nicht in eine lineare Dramaturgie zu übersetzen. Sie arbeitet mit zeit- und epochenüberspringenden Versatzstücken wie Caspar David Friedrich ähnelnden Videoinstallationen und blätterlosen Märchenwäldern, sowie Wärmefolien, Schlafsäcken und Plastiktaschen. Schuberts Musik wird dazu vom Berliner Elektro-Duo Gamut Inc und dem großartigen Pianisten Philip Zoubek zu einer um die Moderne wissenden zeitgenössischen Version der Romantik verschachtelt. Zum Teil weit in die aktuelle Elektromusik hineinreichend, wurden die Lieder ihrer Liebesleid-Thematik beraubt. In "Gute Nacht", lässt Melián die Zeile "Fremd zieh' ich wieder aus" weg, die "Fluth" wird mit der Ozean-Querung assoziiert und zu einer stampfenden Techno-Bassdrum gibt es "Weiter"-Rufe. Die transzendenten Lieder wie die "Krähe", besonders aber die "Nebensonnen" oder der "Leiermann" bleiben ihrem Vorbild hingegen näher.

Das erlaubt dann letztlich ganz andere Schlüsse, als die bloße musikalische Darstellung einer resignativen Reise, respektive einer Flucht. Etwa, was die nach Innen gewendete, emotionale Strömung der Romantik inhaltlich in einem politischen Kontext heutzutage bewirken kann. Die Antwort darauf ist überraschend eindeutig: "Because I'm involved in mankind", sagt Cornelia Melián plötzlich. Und diese empathische Philanthropie wirkt als Gegenmittel zur zynischen Moderne ebenso wie als Einwand gegen nationalistischen Egoismus. Weitere Vorstellungen am Samstag und Sonntag, 11. und 12. März.