Kurzkritik Ein Erlebnis

Der "Untergang der Titanic" im Mixed Munich Arts

Von Egbert Tholl

Vermutlich ist diese Erkenntnis für professionelle Liebhaber ausgezeichneter Technopartys ein alter Hut. Die anderen trifft es mit der Wucht der Erkenntnis: was für ein grandioser Raum. Das MMA (Mixed Munich Arts) im ehemaligen Heizkraftwerk an der Katharina-von-Bora-Straße, das einst dafür sorgte, dass Hitler im Führerbau keine kalten Füße hatte, ist ein fabelhafter Ort. Man muss ihn sofort unter Denkmalschutz stellen, die kulturelle Zwischennutzung dort institutionalisieren und überhaupt. Überhaupt heißt: ein Erlebnis möglichst oft wiederholen, wie es Hans Magnus Enzensbergers "Untergang der Titanic" dort war.

Vor vier Jahren gab es eine Urversion dieser Aufführung am Landestheater Schleswig-Holstein. Damals schon dabei: der kluge Schauspieler Johannes Fest und die Mezzosopranistin Cornelia Lanz. Die beiden arbeiteten weiter daran, die Welt veränderte sich indessen, Lanz gründete den Verein Zuflucht Kultur, machte mit geflohenen syrischen Künstlern zusammen Oper. Schließlich mündete all dies in die "Titanic"-Version, die nun im MMA zu sehen war. Und man weiß nicht genau: Verhilft der Raum der Aufführung zu ihrer Wirkung, oder adelt diese den Ort. Wie auch immer: Man fühlt sich manchmal unter Wasser, man spürt die Verlorenheit der Ertrinkenden. Damals, heute.

Enzensbergers Text ist eine Metapher, die aber auch recht konkret um den Untergang der Titanic kreist. Bei Lanz/Fast wird daraus ein multiassoziatives Erlebnis. Enzensberger rezitiert selbst, die fabelhafte Lanz singt als Oberdecksdiva den Erfolg eines neuen Lebens in den USA herbei, der syrische Schauspieler Zaher Alchihabi kündet vom Tod der Zwischendeckspassagiere genauso wie von dem der Bootsflüchtlinge heute, Julia Sewing tanzt als Fee einer vergangenen Hoffnung über den Beton und Mazen Mohsen und Oliver Heise machen Musik. Damals sank eine prominent besetzte Ikone des Fortschrittsglaubens, heute ersaufen Tausende im Mittelmeer. Wer nennt deren Namen?