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Kurzkritik:Durchwachsen

Das Musical "Chess" am Theater Regensburg

Vor langer Zeit war da mal ein Hit, der hieß "One Night in Bangkok", und kaum jemand wusste, dass der aus einem Musical stammte. "Chess" hatte seine Uraufführung 1986, den Text schrieb Tim Rice, die Musik komponierte die männliche Hälfte von ABBA, also Benny Andersson und Björn Ulvaeus. Tatsächlich ragt das Stück musikalisch heraus aus der Masse der glattgebügelten Mainstream-Musicals, was allerdings dazu führte, dass es außerhalb des Londoner Westends kaum jemand auf einer Bühne gesehen haben dürfte. Und wenn, dann ist es lange her. Insofern freut man sich, dass es nun am Regensburger Theater herauskam.

Auch wenn die Freude danach nicht ungetrübt ist. Das Stück erzählt parabelhaft vom Kalten Krieg anhand zweier Schachweltmeisterschaften, inspiriert von der realen Partie zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky in Reykjavík 1972. Auch in "Chess" treffen ein Russe und ein Amerikaner aufeinander, beide werden von ihren Systemen instrumentalisiert, dann gibt es noch eine Liebe, die sich die Kontrahenten teilen müssen, es gibt tanzende Russen und effiziente Amerikaner. Am besten beließe man das Stück in der Zeit, in der es spielt, und vertraute darauf, dass es als Metapher taugt. Und zwar auf Englisch, bitte!

Christina Schmidt giert indes nach Gegenwart (Trump-Tweets!), ohne gegen das Stück mit seinem schweren Deutsch anzukommen. In der Folge stehen die meisten Figuren unbestimmt herum, die Ebenen der anspruchsvollen Erzählstruktur verschwimmen, manches ist vage, anderes überdeutlich. Dagegen funktioniert die Symbiose aus Tanz, Band und Orchester gut, könnte aber mehr Drive haben. Sensationell ist eine Besetzung vom Haus selbst: Christiana Wimber singt Florence, die Geliebte zwischen den Machtblöcken, mit atemberaubender Klarheit und Leichtigkeit. Ruud van Overdijk ist als US-Weltmeister ein quäkendes Unglück und versenkt "One Night in Bangkok" in schwankender Agonie, da siegt der Russe, also Thomas Christ, mit souveränem Glanz. So bohren sich einige Nummern, auch wegen des Chors, dann doch ins Ohr, wo sie lang herumwurmen.