Kurzkritik Doppelt gut

Kaufmann und Rachvelishvili im Gasteig

Von Andreas Pernpeintner

In dem Augenblick, als Anita Rachvelishvili auf das Gasteig-Podium geschritten ist und sich lässig ans Dirigentenpult lehnt, ahnt man, dass die Mezzosopranistin die musikalische Intensität, die Jonas Kaufmann bei seinen Arien zuvor geboten hat, übertreffen wird. Und wirklich: Mit welch kraftvoller Präsenz, Mimik und Gestik, mit welcher Freude an kleinen, auch überraschenden Dynamikeffekten und verschiedenen stimmlichen Klangfarben sie Bizets "Carmen"-Habanera singt, ist ein Genuss.

Dieses Konzert mit Kaufmann, Rachvelishvili und der wackeren Prague Philharmonia unter der Leitung von Jochen Rieder ist nicht als reiner Opern-Schlagerabend konzipiert. Französisches Repertoire steht auf dem Programm - und so viel Grand Opéra gibt es sonst nur in der Musikgeschichtsvorlesung zu entdecken. Das beste Beispiel: "Rachel, quand du Seigneur" aus Jacques Fromental Halévys Oper "La Juive", im Paris des 19. Jahrhunderts ein Riesenerfolg, ist Kaufmanns wohl ausdrucksstärkste Arien-Darbietung an diesem Abend in der Philharmonie. Kaufmanns seit Konzertbeginn gewachsene Darstellungslust mag ihren Ursprung im letzten Beitrag vor der Pause haben, dem Finale aus dem ersten Akt von Jules Massenets "Werther". In diesem szenisch belebten Duett schließt Kaufmann zu Rachvelishvili auf, spielt und erzählt, wo er zuvor nur vortrug. Auch das Finale des vierten Akts aus der "Carmen" (hierin sind die beiden gemeinsam Scala-erprobt) präsentiert zum Abschluss des Konzerts diese Stärken. Jonas Kaufmann ist beredt, Anita Rachvelishvili eine Schau.

Anschließend tost der Applaus, und Kaufmann muss sich über Blumen und andere Gaben freuen. "Pourquoi me réveiller" aus dem "Werther" ist eine angemessene Zugabe, Jacques Offenbachs "Barcarole" zusammen mit Rachvelishvili in trauter Eintracht vor dem Noten-Tablet - sie mit Jonas Kaufmanns Frack behängt, er im Falsett singend - eine köstliche Ergänzung.