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Kurzkritik:Burka-Boogie

Das Duo Pigor & Eichhorn im Lustspielhaus

Von Thomas Becker

Um kurz nach zehn beginnt die Zeit der Wünsche: die Zugaben. "Heidegger" rufen die einen, "Nieder mit IT" die anderen. "Hitler" traut keiner zu rufen, dabei gehört der Song zu den Klassikern von Pigor & Eichhorn. Das "Sie wünschen, wir spielen"-Dilemma begleitet das Duo schon lange. Selbst schuld: Wer so viele Lieblingslieder schafft, darf sich nicht beschweren, wenn das Volk diese gefälligst auch hören will. Bis der letzte Wunsch erfüllt ist, würden jedoch ein paar Tage und Nächte vergehen, aber das hält ja kein Tourplan aus.

Zudem wäre Neues nicht möglich, und so ignorieren die beiden die Rufe im Lustspielhaus und spielen stattdessen drei Noch-nicht-aber-bald-Klassiker: einen wilden Ritt über das 2027 auslaufende Urheberrecht des Brecht-Werks, ein Stück übers Gammeln, eins dieser vergessenen Schimpfworte der Sechzigerjahre sowie eine Chanson-Demontage in Gestalt einer herrlich knödelnden Klischee-Musette, ganz ohne Akkordeon. Volumen 1 bis 8 hießen die Programme des Berliner Duos in den vergangenen 20 Jahren, Nummer 9 ist von April an zu erleben, und in einem Abend mit den selbst ernannten Salon-Hip-Hoppern steckt viel drin. Selbst der Soundcheck wird zur perfekt konzipierten Warm-up-Nummer: "Ein guter Ton ist das A und O in der Kommunikation." Wohl wahr. Ein schiefer Ton kommt ihnen nicht aus, trotz all der Anarchie, in die sich Pigor zuweilen hineinsteigert; nicht nur im Kurz-vor-dem-Nervenzusammenbruch-Song "Lass die Gastgeber machen" erinnert er an Gernot Hassknecht. Oft ballt er nach dem letzten Ton die Faust: Power to the people!

An Energie mangelt es dem Frühsechziger auch nach 40 Jahren Bühne nicht. Er rappt, swingt, singt, brüllt, säuselt, rollt sein fränkisches R, spielt den Burka-Boogie-Woogie im vollverschleierten Ornat, giftet gegen kleine dicke Frauen, Rabenmütter, kann auch German English ("The language of Shakespeare you can smoke in the pipe") und zelebriert den Refrain "Gott ist tot, tralalala" als Swing in drei Varianten: für Gläubige, Ungläubige und Agnostiker. Wenn er doch mal kurz Luft holt, quält er Eichhorn, den armen Tropf am Klavier, mit seinem Künstler-Snobismus.

© SZ vom 18.03.2017

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