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Kurzkritik:Britten mit Bier

Das Klassikfestival "Hidalgo" macht Halt im Bahnwärter Thiel

Wenn zwei junge Menschen mit hippen Bärten und Turnschuhen auf Holzpaletten sitzen, eine Wand mit Graffiti im Rücken, und sich dabei über den starken Klang der Bratsche unterhalten, dann wird es höchste Zeit, das Bild von der adretten, aber etwas spießigen Klassik zu korrigieren. Spätestens jetzt. Das Festival "Hidalgo" hat sich vorgenommen, das Klassikpublikum in München zu verjüngen und ein Streichorchester in einen Nachtklub gesetzt. Bereits zum zweiten Mal findet ein Programmpunkt des Festivals im Bahnwärter Thiel statt, am vergangenen Sonntagabend also: Dmitri Schostakowitsch, Pjotr Tschaikowsky und Benjamin Britten im schwülen Schwarz einer liebevoll verranzten Tanzhalle.

Dirigentin Johanna Malangré, Jahrgang 1989, steht vor den Musikern, die sich aus den größten Orchestern dieser Stadt für das Festival zusammengetan haben, und schaut zuversichtlich nach vorn. Ringsum sitzen Menschen auf Bierbänken und Gartenmöbeln, Bierflasche in der Hand, Jutebeutel über der Schulter. Die wenigen Köpfe mit grauen Haaren stechen heraus. Ein Anblick, der sich gewöhnlich bei einem Klassikkonzert nicht bietet. Dieser Teil ist den Veranstaltern also geglückt.

Auch musikalisch setzt der Abend ein Ausrufezeichen. Die Kammersymphonie c-Moll von Schostakowitsch weckt vom ersten Ton an den Eindruck einer Schauergeschichte am Lagerfeuer, die zu erzählen die Musiker und ihre Dirigentin größten Spaß haben. Malangré weiß das Stück sinnvoll einzuteilen, ein leises Einatmen und wir befinden uns auf einem Geisterschiff, noch eins - und es ist eine wilde Verfolgungsjagd. Schostakowitsch ganz hinreißend und in all dem seelischen Schmerz irgendwie beglückend. Ebenso der königlich-stolze Sopran der Estin Mirjam Mesak, der zum Schluss die mittlerweile dicke Luft im Klub mit einem Schlag durchstößt. Ihre Stimme macht nicht nur Brittens Liederzyklus "Les Illuminations" alle Ehre, sondern auch der Prämisse des Abends: Klassik ist quicklebendig.