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Kurzkritik:Böses Grinsen

By Proxy fordern: "Stop Being Poor"

Diese Norweger sind ungemein höflich. Schon bevor man die Spielhalle der Kammerspiele betritt, wird man darauf hingewiesen, dass es gleich Kaffee und Tee gebe, man sich aber beeilen solle, wenn man davon etwas wolle, der Andrang sei wohl recht groß. Ist er dann auch, zumindest vor dem kleinen Holzhüttchen, wo es eben Getränke für die Zuschauer gibt. Insgesamt wäre indes noch reichlich Platz für mehr Publikum bei "Stop Being Poor", was der guten Laune der Akteure aber keinen Abbruch tut. Diese heißen in ihrer Gesamtheit By Proxy, und das, was sie als Gastspiel an den Kammerspielen zeigen, ist ihre Abschlussarbeit an der Norwegischen Theaterakademie Fredrikstad. Das allein ist schon einmal äußerst verblüffend, weil der Abend über einen instinktsicheren Ablauf verfügt und einen ungemein gut empfunden Rhythmus hat, so dass man fast verdattert darüber ist, dass das die erste Arbeit der Truppe ist. Sieht man im Vergleich dazu das berstende "Pulverfass", die aktuelle Diplomregiearbeit der Falckenberg-Schule, ist man vollends irritiert. Was so höflich beginnt, ist im Kern bitterböse, wenn auch mit freundlichem Lächelns versehen. Es geht um Selbstoptimierung, Selbstüberprüfung, Angst um den Job und das Ausblenden des eigenen Ichs in der Maschinerie des Funktionierenmüssens. Oder vielleicht sogar um die völlig Negation des Ichs. Da folgt ein "You can do it"-Morgenritual mit festgezurrtem Grinsen in den Gesichtern der Akteure. "Good Morning (Vietnam)" - auf in den Kampf, der Beste, Schönste, Klügste, Erfolgreichste sein zu müssen. Offenbar, und das ist neben der schönen Darreichungsform das Interessanteste an "Stop Being Poor", treibt der Zwang zum Erfolg junge Menschen viel mehr um, als man es sich als alter Sack vorstellen mag. So gern man den munteren Norwegern zuschaut, so jung will man dann doch lieber nie mehr sein. Alt werden die eh nicht: Am Ende hängt sich ein Mädchen auf, keiner kümmert sich drum - das Gastspiel fand übrigens am Weltfrauentag statt.