Kurzkritik Böhmens Töne

Die Philharmoniker unter Semyon Bychkov spielen Smetana

Von Klaus Kalchschmid

Wann bekam "Vyšehrad", die erste der sechs symphonischen Dichtungen aus Bedřich Smetanas "Ma Vlast - Meine Heimat" so viel Zeit zur großartigen Entfaltung, wie jetzt bei Semyon Bychkov mit den Münchner Philharmonikern im Gasteig? Beginnend mit zwei Harfen, die davon künden, dass hier "eine alte Geschichte" besungen wird, konnten sich Farbigkeit und Melodienseligkeit weit aussingen, mit der das Schicksal der Burg vom goldenen Glanz bis zu ihrer Zerstörung musikalisch beschrieben wird. Einst stand sie hoch über Prag, wo heute eine große Kirche prangt.

Die folgende, sattsam bekannte, aber immer wieder berückende "Moldau" klang so schön und aufregend, als hätte man sie noch nie gehört. "Šarka" erzählt dramatisch zugespitzt die grausame Geschichte einer Frau, die ihren Geliebten in eine tödliche Falle lockt, und kein Detail, keine melodische oder harmonische Fein-heit der so differenziert instrumentierten Partitur ging bei Bychkov und den an diesem Sonntagvormittag wahrlich hellwa-chen Philharmonikern verloren.

Dass "Aus Böhmens Hain und Flur" mit seiner farbigen, vielfältigen Schilderung nicht nur naturverbundenen Lebens als vierter Teil eigentlich den Abschluss des Zyklus bilden sollte, hört man heute noch ein wenig, denn "Tábor" mit schneidend stampfenden Blechbläser-Akkorden und "Blanik" haben sowohl in musikalischer wie inhaltlicher Hinsicht ähnliche Thema-tik, die Bewegung um den tschechischen Freiheitskämpfer Hus, besitzen aber nicht mehr ganz die hohe Inspiration und Dichte der ersten vier Teile. Egal ob der wunderbar bronzene Ton der Streicher, strahlendes Blech oder subtiles Holz: Umso beeindruckender, dass auch hier weder Spannung noch Schönheit der klanglichen Ausformung bis hin zum triumphalen Finale nachließen.