Kurzkritik Bezaubernd

Ein Liederabend mit der Sopranistin Dorothea Röschmann

Von Andreas Pernpeintner

Eines ist beim Festspiel-Liederabend der Sopranistin Dorothea Röschmann und des Pianisten Malcolm Martineau im Prinzregententheater schon vor Beginn klar: Einen Liederabend mit Schubert-Liedern aus Goethes "Wilhelm Meister" zu eröffnen und mit Hugo Wolfs Mignon-Liedern, in denen die selben Texte vertont sind, zu beschließen, ist eine wunderbare, musikhistorisch vergleichende Programmgestaltung. Schöner könnte es sich kein Musikwissenschaftler ausdenken, das will was heißen. Und noch etwas wird rasch zur Gewissheit: Martineau ist ein phänomenaler Klavierbegleiter. Denn er nimmt das Begleiten ernst, spielt mit klarer Diktion, ohne je zu hintergründig zu werden. Manchmal nimmt er virtuos Fahrt auf, meistens aber grundiert und kommuniziert er dezent, farbig und mit untrüglichem Gespür für die Atmosphäre eines Liedes.

Obwohl sich beides insgesamt vorzüglich ergänzt, stellt Martineaus Spiel damit einen Gegensatz zu Röschmanns Gesang dar, denn ihre Herangehensweise ist opulenter, opernhafter. Ob das zu den Schubert-Liedern passt, ist Geschmacksache. Manchmal jedenfalls wirkt Röschmanns Ton für Schuberts klar geformte Melodielinien recht überbordend, obwohl sie natürlich akkurat interpretiert, mit intensiver Dynamik, prägnanter Artikulation. Auch bei einigen Mörike-Vertonungen von Hugo Wolf, die zusammen mit den Mignon-Liedern die zweite Konzerthälfte ausmachen, fällt dies auf. Insgesamt aber sind die Wolf-Lieder dramatischer komponiert, und das liegt Röschmann gut. So werden die Mignon-Lieder zur fesselnden Erzählung.

Trotzdem ist der Höhepunkt dieses Abends bereits vor der Pause erreicht: Mit welcher Präsenz und mit welch ausgefeiltem sängerischem Vermögen Röschmann Gustav Mahlers Fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert durchdringt, insbesondere das ätherische "Ich atmet' einen linden Duft", das zärtliche "Liebst du um Schönheit" und das entrückte "Ich bin der Welt abhanden gekommen", ist bezaubernd.